Wie Technologie uns zu Tieren macht

Die Welt, die wir erleben, ist eine mentale Konstruktion, die durch unsere physischen Sinne gefiltert wird. Das wirft die Frage auf: Wie sähe unsere Welt aus, wenn wir neue und andere Sinne hätten?

Können wir neue Technologien direkt mit unserem Körper verbinden und so die Wahrnehmung erweitern? Können unsere fünf Sinne substituiert oder erweitert werden? Kann man mit dem Rücken hören? Die Antwort auf jede dieser drei Fragen lautet: Ja. Und zwar schon mit dem heutigen Stand der Technologie. Für das, was mit dem technologischen Stand von morgen möglich sein wird, haben wir vermutlich noch nicht einmal die richtigen Fragen.

Technologie wird schon lange eingesetzt, um die fünf menschlichen Sinne zu erweitern. Mit dem Teleskop schauen wir in die Ferne, mit dem Mikroskop in die Nähe und mit dem Röntgengerät durch Sachen hindurch. In jüngster Zeit haben Forscher im aufstrebenden Bereich des «Sensory Enhancement» damit begonnen, Werkzeuge zu entwickeln, um den Menschen zusätzliche Sinne zu geben – solche, die Tiere nachahmen oder uns Fähigkeiten verleihen, die wir nie für möglich gehalten hätten.

So hat der Neurowissenschaftler David Eagleman in seinem Labor an der Universität Stanford eine Weste entwickelt, die Geräusche als schwache Vibrationen auf den Oberkörper überträgt. Je nach Frequenz entstehen unterschiedliche taktile Muster auf der Haut. Am Anfang ist das für Menschen komplett unverständlich, aber Gehörlose lernen damit, gesprochene Sprache zu verstehen. In Zukunft könnten auch ganz neue Sinnesinformationen für Gesunde erschlossen werden.

Einige Menschen haben bereits ihre Wahrnehmung über das evolutionäre Mass der menschlichen Sinne hinaus erweitert. Neil Harbisson etwa, der erste rechtlich anerkannte Cyborg der Welt. Er wurde farbenblind geboren, hat aber jetzt ein Implantat, mit dem er Farben erkennen kann, indem er sie in hörbare Vibrationen in seinem Schädel verwandelt – und zwar auch die Farben Infrarot und Ultraviolett, für die wir eigentlich kein Sinnesorgan haben. Moon Ribas, eine spanische Tänzerin und Performance-Künstlerin, hat sich Sensoren in den Ellenbogen implantiert, mit denen sie die Erschütterungen von Erdbeben, die irgendwo auf dem Planeten stattfinden, direkt wahrnimmt. In Verbindung mit diesem neuen Sinn hat Ribas eine Tanzperformance mit dem Titel «Waiting for Earthquakes» entwickelt, in der sie nach Intensität und Dauer des Erdbebens tanzt, das sie im Moment der Show spürt.

Die beiden in Barcelona lebenden Künstler Harbisson und Ribas wollen ihre Sinne erweitern, um die Umwelt auch aus der Perspektive von anderen Lebewesen wahrzunehmen. Sie hoffen, dass die neuen technischen Sinne sie näher an die Natur bringen und ihnen ermöglichen, andere Spezies, Tiere und Pflanzen, besser zu verstehen. Weil die künstlichen Sinne die Grenzen zwischen dem Menschen und anderen Lebewesen überschreiten, bezeichnet sich Harbisson gerne auch als «Trans-Spezies».

Noch hat der Mensch üblicherweise aber fünf Sinne. Delfine hingegen sechs. Und Pflanzen gar mindestens fünfzehn mehr als wir. Sinne sind ungleich verteilt. Verschiedene Tiere im selben Ökosystem nehmen denn auch unterschiedliche Umweltsignale auf. In der blinden und tauben Welt der Zecke sind die wichtigen Signale Temperatur und der Geruch von Buttersäure. Für Geistermesserfische sind es elektrische Felder. Für die Fledermaus sind es Luftkompressionswellenn und Elefanten riechen Wasser aus acht Kilometern Entfernung. Pflanzen haben einen Sinn für die Schwerkraft und beginnen Abwehrstoffe zu produzieren, wenn ihnen nur schon der Ton von Raupen beim Essen abgespielt wird.

Die nachstehende Grafik zeigt exemplarisch das Spektrum der menschlichen Sinneswahrnehmung im Vergleich zu anderen Spezies. Der Wert der Spezies mit der ausgeprägtesten Fähigkeit wurde mit 100 % normiert und die anderen Werte daran ausgerichtet. Die Darstellung steht nicht für das sinnliche Potential, das es noch zu erobern gäbe, sondern vielmehr für Realitäten von anderen Spezies, für die wir heute blind sind.

 

Die Teilmenge der Welt, die ein Lebewesen zu erkennen vermag, ist seine Umwelt – und vermutlich geht jeder Organismus davon aus, dass seine Umwelt die gesamte objektive Realität «da draussen» ist. Durch neue Interfaces verändern sich nicht nur unsere Kommunikation und unsere Beziehungen miteinander, sondern letztlich auch unsere Wahrnehmung und unser mentales Konstrukt der Welt. Wir könnten in Zukunft unsere Wahrnehmung verstärken und mit völlig neuen sensorischen Fähigkeiten bisher unbekannte Welten erfahrbar machen. Infrarot-Sehen oder Hochfrequenz-Hören wären erst der Anfang.

Das Ende Des Konsums Titelbild

Das Ende des Konsums

Wenn Daten den Handel überflüssig machen

GDI-Studie Nr. 46 / 2019

Sprachen: Deutsch, Englisch (Veröffentlichung folgt in Kürze)
Herausgeber: GDI Gottlieb Duttweiler Institute, KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft
Format: PDF

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