Paul Austin: «LSD-Mikrodosierung steigert unsere Effizienz»

11.01.2018

«Wer LSD, Psilocybin oder Cannabis konsumiert, wird die künftige Arbeitswelt beherrschen. Denn durch deren Konsum denken wir kreativer und können uns schneller an neue Situationen anpassen – zentrale Aspekte unserer globalen Gesellschaft», sagt Unternehmer Paul Austin. Am 14. März 2018 sprach er am GDI.

ETD18 Paul Austin

Sie beschäftigen sich mit der Mikrodosierung von Psychedelika. Was versteht man darunter?
Unter Mikrodosierung von Psychedelika versteht man den Konsum von ca 10 % einer üblichen Dosis, dies jedoch zweimal pro Woche. Durch die geringe Dosierung findet kaum eine Veränderung in der visuellen Wahrnehmung statt. Allerdings steigert sich das Geschmacks- und Tastempfinden, man verspürt mehr Energie, kann besser fokussieren und die Kreativität wird angekurbelt. Im Juni 2015 habe ich selbst über sieben Monate mit der Mikrodosierung experimentiert und zweimal wöchentlich eine Kleinstmenge LSD konsumiert. Bereits zu Beginn hat sich meine Konzentrationsfähigkeit verbessert, ich bin also eher in den Flow-Zustand gelangt, und es fiel mir wesentlich leichter, mit meinen Mitmenschen in Beziehung zu treten. Ich erlebte einen Abbau sozialer Ängste. Heute sehe ich mich als öffentlichen Sprechers, als Verbreiter und Unterstützer – sowohl für die Erforschung zur Mikrodosierung, als auch für deren Anwendung in der Praxis.

Ganz konkret: Wann hilft Mikrodosierung und wann nicht?
Ob Mikrodosierung hilft oder nicht, hängt vom Kontext ab, in dem sie eingesetzt wird, und von der Person, die sie einsetzt. Egal wie hoch die eingenommene Dosis ist, Psychedelika sind immer unspezifische Verstärker. Das heisst, dass die erwartete Wirkung die effektive beeinflusst. Meist wird Mikrodosierung angewendet, um entweder das allgemeine Wohlbefinden zu stärken, oder um eine Depression oder Sucht anzugehen. Der derzeitige Stand der Forschung zeigt, dass Mikrodosierung tatsächlich eine antidepressive Wirkung hat und die Energie und Kreativität fördert. Wegen ihrer Eigenschaft als unspezifische Verstärker können die Forschungsresultate über die Mikrodosierung jedoch nicht verallgemeinert werden – denn bei Einzelnen verschlimmern sie Angstzustände.

Wie etabliert ist die Mikrodosierung bereits?
Aktuell wird unsere Plattform «The Third Wave» pro Monat von 60 000 neuen Besuchern aufgerufen. Das renommierte Verlagshaus «Random House», publizierte letztes Jahr ein Buch über Mikrodosierung und die «New York Times», «The Economist» und «Wired» haben alle bereits lange Reportagen über das Thema gebracht – sowohl digital als auch im Print. Der Mikrodosing-Papst Jim Fadiman hat für seine erste Studie über die Wirksamkeit des Mikrodosierens über 1600 Fälle zusammengetragen und ausgewertet. Wegen der gesellschaftlichen Stigmatisierung, die es noch immer um Psychedelika gibt, ist die Mikrodosierung noch nicht Mainstream. Die Popularität des Konsums wird aber auf Grund seiner positiven Wirkung weiter zunehmen. Wie Trenddiagramme zeigen, ist das Interesse bereits in den letzten Jahren explosionsartig gestiegen.

In welchen Situationen wäre eher eine Makrodosierung angezeigt?
Dies ist eine wichtige Frage, und es wird aktuell auch viel dazu geforscht. Studien deuten darauf hin, dass beispielsweise in der Behandlung von therapieresistenten Depressionen Makrodosen von Psychedelika oder Psylocibin vielversprechend wirken. Wie bei Cannabis auch gibt es viele Menschen, die sich selbst mit Psychedelika behandeln oder mit ihnen behandelt werden. Forschungsdaten dazu sind jedoch schwer zu erhalten und müssen erst noch validiert werden. Darin liegt ein grundsätzliches Problem der Forschung mit Psychedelika. Im derzeitigen Pharmamodell sind Versuche mit höheren Dosierungen schwierig, weil Psychedelika nicht patentiert sind und ihre Einnahme eine tagelange, enge Betreuung durch eine qualifizierte Fachperson benötigen.

Drogen haftet etwas Verruchtes an: Kontrollverlust, Grenzüberschreitung. Warum entsteht der Trend zum Microdosing gerade jetzt?
Die Teillegalisierung von Cannabis sowie die Forschung von renommierten Institutionen zu Psychedelika haben zu einer objektiveren Debatte geführt. So wird auch die potentielle Nützlichkeit weiterer bisher illegaler Wirkstoffe neu diskutiert. Der Trend zur Mikrodosierung leitet sich daraus ab. Die westliche Kultur beginnt zu erkennen, dass das Bedürfnis nach Kontrolle zu einem grossen Teil für die Leiden der Menschen verantwortlich ist. Um dem entgegenzuwirken, werden Arbeitsbereiche geschaffen, die weniger auf die Macht des Einzelnen in einer hierarchischen Struktur setzen als vielmehr den Teamgeist fördern. Unsere Welt wird immer chaotischer und dichter. Wer sich darin behaupten will, muss kreativ denken und sich schnell anpassen können. So werden Substanzen, welche genau diese beiden Eigenschaften fördern, zunehmend an Arbeitsplätzen eingesetzt.

Während es beim subkulturellen Konsum von Psychedelika in den späten 60ern um Rebellion ging, erscheint der heutige Gebrauch das ökonomische Bedürfnis nach Effizienz und Optimierung zu unterstützen. Ist das gut?
Ich denke, dass der Konsum von LSD am Arbeitsplatz eine Veränderung der Normen und Werte repräsentiert. In Zukunft wird Arbeit weniger ein «Dinge-Erledigen» sein, weil Routinearbeit durch künstliche Intelligenz ausgeführt werden wird. Arbeitszeit kann viel effizienter genutzt werden, was uns mehr Freizeit gewährt. Das Mikrodosieren von LSD erlaubt uns eine Rückbesinnung auf eine optimierte Work-Life-Balance, in welcher die kreative Arbeit verstärkt wird durch pharmazeutische Substanzen. Weil Mikrodosing auch das reflexive Denken ankurbelt, verspüren Konsumenten oft den Wunsch, ihr Verständnis von Arbeit zu ändern und einer Tätigkeit nachzugehen, die ihnen als sinnvoller erscheint.

Heute nehmen wir zur Selbstoptimierung Drogen. Was kommt morgen?
Um in der industriellen Arbeitswelt zu funktionieren, haben wir schon immer Drogen konsumiert. Die bekanntesten davon sind Koffein und Tabak, aber auch weitere Stimulanzien wie Adderall oder sogenannte Nootropics. In Zukunft wird der Konsum von Substanzen, welche divergierendes Denken, Kreativität und Innovation fördern und uns dabei unterstützen, komplexe Probleme zu lösen, am Arbeitsplatz tolerierter sein. Psychedelika werden stark stigmatisiert, weil sie die existierende zentralistische Hierarchie unserer industriellen Gesellschaft bedrohen. Mikrodosing ist ein erster Schritt in Richtung der Legalisierung psychedelischer Substanzen, welche unserer globalen Gesellschaft dabei helfen, den Übergang vom industriellen Zeitalter in jenes der Information zu schaffen.



Paul Austin ist Gründer der Informationsplattform zu Psychedelika «The Third Wave». Er sammelt und verbreitet die neusten Forschungsresultate zum Einsatz der Mikrodosierung von LSD, Psylocibin und weiteren psychoaktiven Substanzen in der Arbeitswelt.