Hieroglyphen des Digital Age

Die «Emoji»-Kommunikation verbreitet sich in der elektronischen Welt so rasant, dass man sich am Beginn eines neuen Hieroglyphen-Zeitalters wähnt. «GDI Impuls» und der Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch untersuchen, was aus dieser Bildsprache noch werden kann.

Dies ist ein Auszug eines Artikels der aktuellen Ausgabe von «GDI Impuls».
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Interview: Detlef Gürtler

Herr Stefanowitsch, kennen Sie schon die Philosophen-Emojis?
Ja, ein nettes Spiel: Man stellt zu einem Philosophen dasjenige Emoji, das am besten für seine Aussagen steht. Karl Marx bekommt eine geballte Faust, Judith Butler einen Regenbogen und Niklas Luhmann eine Büroklammer.

Als wir das Spiel auf unserer Facebook-Seite posteten, gab es innerhalb von Minuten Dutzende von Vorschlägen für Philosophen-Emojis.
Die spielerische Beschäftigung mit Emojis ist typisch. Irgendwie macht es den Leuten seit einigen Jahren Spass, mit diesem eingeschränkten, aber doch ausreichenden Formen-Inventar zu spielen.

Wenn Emojis heute so viel Spass machen – wird dann eines Tages mal etwas Ernstes daraus? Ein neues Kommunikationsmittel? Vielleicht sogar eine eigene Sprache?
Da stossen wir schnell an Grenzen: Emojis können alleine kaum als Kommunikationsinstrument funktionieren. Bleiben wir noch einen Moment bei den Philosophen-Emojis. Sie können Zygmunt Bauman mit dem Wassertropfen darstellen (die liquide Moderne) und Hegel mit einem Gespenst (der Weltgeist), aber wie sieht es umgekehrt aus – ich zeige Ihnen ein Emoji, und Sie sagen mir, welcher Philosoph das sein soll? Und dabei wäre das noch eine verhältnismässig leichte Aufgabe, da die Zahl der möglichen Bedeutungen des Zeichens schon auf Philosophen beschränkt ist.

Aber es gibt doch auch heute schon Zeichen, die weltweit als Kommunikationsinstrument funktionieren – die Verkehrszeichen zum Beispiel.
Dieser Vergleich zeigt ganz gut, was den Unterschied ausmacht. Piktografische Systeme, die tatsächlich zur Kommunikation eingesetzt werden, zeichnen sich durch einen hohen Grad an Konventionalisierung aus. Viele sind durch internationale Verträge in ihrer Bedeutung festgelegt, andere sind von diesen Grundformen abgeleitet – eine durchgestrichene Eistüte im roten Kreis ist zwar kein offizielles Verkehrszeichen, aber sofort als Verbot verständlich. Einfach nur irgendeine Bedeutung aus einem Bild herauszulesen, reicht für Kommunikation nicht aus.

Die Verkehrszeichen haben ja schon hundert Jahre Vorsprung. Vielleicht haben in ein paar Jahren auch Emojis eine ähnlich verbindliche Bedeutung.
Einige haben das heute schon, etwa die Währungssymbole. Andere sind darauf spezialisiert, Emotionen darzustellen – sie sind eine Weiterentwicklung der bereits seit den 1980er-Jahren etablierten Emoticons und werden auch in deren Tradition verwendet: Sie ergänzen die textuelle Kommunikation so, wie es in der mündlichen Rede Mimik oder Gestik tun. Aber die meisten Emojis sind nicht auf eine Bedeutung festgelegt, sondern auf eine Situation bezogen.

Das Wassertropfen-Emoji kann also je nach Lage Flüssigkeit, Durst, Baden, Erfrischung oder eben Zygmunt Bauman bedeuten.
Und eine ganze Reihe Bedeutungen mehr. Diese Emojis ersetzen nicht Gestik oder Mimik, sondern sie stellen einen Kontext her. Ein typisches Beispiel ist das Flugzeug-Emoji. Jemand schreibt: «Endlich Ferien!», und stellt dahinter ein Flugzeug. Dann kann das einerseits eine Konkretisierung sein: In den Ferien findet eine Flugreise statt; andererseits aber auch eine Kontextdarstellung, bei der auf den ersten Blick erkennbar ist, dass es sich hier um eine Reise handelt.

Es mag ja verwegen klingen – aber könnte das Flugzeug-Emoji nicht auch einfach «Flugzeug» heissen?

Könnte – passiert aber nicht. Das war für mich das überraschendste Ergebnis unserer derzeit laufenden Emoji-Studie: Das komplette Ersetzen eines Wortes durch ein Emoji wäre eigentlich eines der naheliegendsten und praktischsten Anwendungsgebiete – gerade auf Twitter mit der Begrenzung auf 140 Zeichen pro Tweet würde es sich ja anbieten, «Flugzeug» durch das Flugzeug-Emoji zu ersetzen, um damit Zeichen zu sparen. Aber das kommt so gut wie nie vor. Stattdessen werden sie zusätzlich verwendet: «Ich wollte das Auto nehmen, Auto-Emoji, aber jetzt fliege ich doch, Flugzeug-Emoji.»

Das hilft natürlich beim Querlesen.

Genau. Es geht um eine schnelle Einsortierung des kommunikativen Zusammenhangs. Eine ähnliche Funktion haben bei Twitter die Hashtags. Sie sollten ursprünglich der Kategorisierung dienen, um Tweets zu einem Thema oder einer Konferenz schneller finden zu können, werden aber oft metasprachlich verwendet, etwa als Kommentar – wir nennen das Kontextualisierung.

Kann aus den Emojis denn so etwas wie ein «Globish» werden? Eine zumindest rudimentäre Weltsprache?
Theoretisch bestimmt. Allerdings sehe ich derzeit keinen Ansatz, der in diese Richtung weist. Was schlicht daran liegt, dass wir schon eine sehr gut funktionierende Weltsprache haben, das Englische nämlich. Für eine Weltsprache müssten schon noch ein paar Regeln festgelegt werden, die zu lernen wären, und dann ist die Frage, ob das noch so viel leichter wäre als rudimentäres Englisch.

Und wie geht es weiter? Haben wir bald statt 700 dann 7000 Emojis? Oder flaut der Boom wieder ab?
Kurzfristig werden das Interesse und die Nutzung noch deutlich anwachsen. Mittelfristig hängt die weitere Entwicklung der Emojis vor allem davon ab, wie viele Zeichen noch hinzukommen und wer über die Neuaufnahme entscheidet. Die Existenz eines weltweit standardisierten Bilder-Datensatzes, sehr viel grösser als heute, könnte noch für Anwendungen eingesetzt werden, an die wir heute noch gar nicht denken.

Auch wenn wir heute noch gar nicht daran denken – hätten Sie vielleicht ein Beispiel?
Es gibt beispielsweise eine App, die Autisten dabei helfen soll, mit ihrer Umwelt zu kommunizieren. Diese App arbeitet nicht mit Worten oder Texten, sondern nur mit Bildern. Wenn wir 7000 Emojis hätten, und wenn man die Auswahl nicht nur Technologie-Nerds überlässt, dann könnten daraus tatsächlich Subsprachen werden, die in festgelegten Bereichen zur Anwendung kommen.

Aus der neuen Quantität an Emojis würde also perspektivisch eine neue Qualität erwachsen.

Genau. Es gäbe dann viele solcher möglichen Anwendungen – aber keine davon wird eine Weltsprache sein.