Dirk Helbing: Die Welt entkomplexen

Die Globalisierung hat die Welt nicht nur vernetzt – sondern auch übervernetzt. Das kann zu systemischen Risiken führen, wie in der Welt-Finanzkrise gesehen. Auch Populismus kann eine Reaktion auf Übervernetzung sein, schreibt der ETH-Professor Dirk Helbing in unserem «Outlook 2017», und schlägt einen Weg zur Entkomplexung vor.

Seit vielen Jahren geniessen wir den globalen Austausch, bei dem Menschen und Güter rund um den Globus reisen. Aber auch wenn das gut aussieht – tatsächlich scheint dieser aktuelle Globalisierungsansatz längst nicht so gut zu funktionieren. Das zeigt sich vor allem, wenn es um globale Entscheidungsfindung geht: um das Konzept eines Gremiums (wie auch immer es heisst, wer auch immer darin vertreten ist), das Entscheidungen für die ganze Welt treffen könnte, um den Glauben, dass überall dieselben Regeln gelten sollten, dass überall dieselben Lösungen umgesetzt werden könnten – all das scheint nicht zu funktionieren.?

Dieses Problem wurde bislang meistens als technischer Fehler angesehen, der behoben werden kann. Aber wir sind dabei zu lernen, dass es ein systemischer Fehler ist, und nicht reparabel. Eine Lösung für alles, one size fits all, das wird schlicht nicht funktionieren. Das Globalisierungsparadigma hat uns zu erheblich übervernetzten Systemen geführt. Was das zur Folge haben kann, haben wir im Finanzsystem vor zehn Jahren erlebt: Wenn es in einem System zu viele Verbindungen gibt, können systemische Risiken entstehen. Der Populismus, den wir gerade erleben, könnte analog dazu als Reaktion in einem übervernetzten politischen System gesehen werden: Ein Domino-Effekt ist die Folge.?

Wenn wir diese Lektion richtig verstehen, kommen wir zu einem neuen Paradigma: Glokalisierung statt Globalisierung. Global denken, lokal handeln. Auf kleinräumige Lösungen setzen, die Freiheitsgrade für lokale Kulturen erlauben, lokale Ansätze für Innovation und Interaktivität. Glokalisierung bedeutet nicht, dass wir unsere weltweiten Verbindungen kappen sollten – es geht darum, die Welt zu entkomplexen.?

Wie erreichen wir das? Eine Möglichkeit (vielleicht nicht die beste, aber eine, die man prüfen und diskutieren sollte), ist das Bepreisen von Verbindungen. Jede Verbindung, jeder Link erhöht die Komplexität des Gesamtsystems und in übervernetzten Systemen bedeutet dies: erhöht das Risiko. Und jedes Risiko sollte einen Preis haben. Wenn also Verbindungen bepreist – oder besteuert – würden, führte das zu einer Abwägung, bevor ein Link gesetzt, zwei Dinge oder Personen verbunden werden: Welche Verbindungen sind wirklich wichtig? Wichtig für mich, wichtig für meinen Zweck, wichtig für das finanzielle oder politische oder soziale System??

Die Bepreisung von Links wäre auch eine Möglichkeit, um Ressourcen für Open Data und digitale Plattformen zu erhalten, von denen unsere Gesellschaften profitieren können. So wie wir Geld für öffentlichen Strassen und alle möglichen Infrastrukturen von Wirtschaft und Gesellschaft ausgeben, sollten wir uns auch digitale Katalysatoren für unsere zukünftige Wirtschaft und Gesellschaft etwas kosten lassen.

Dirk Helbing ist Professor für Computational Social Science an der ETH Zürich. Helbing ist spezialisiert auf Fragen der Entscheidung in komplexen Systemen.

Schriften von Helbing zu diesem Thema:
Globally networked risks and how to respond

The Automation of Society Is Next: How to Survive the Digital Revolution
(kostenlose Version)


«Outlook 2017»:
Vieles am Start ins Jahr 2017 fühlt sich wie eine Zeitenwende an. Neue Konflikte, neue Akteure, neue Risiken. Und, natürlich, neue Chancen. Im Umfeld der Tagung zur Zukunft der Macht fragen wir Referenten und globale Experten, was da ihrer Meinung nach auf uns zukommt. Ihre Antworten ergeben unseren «Outlook 2017».

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