Der R-Wert für Ideen: Wie das Neue um sich greift

Ein entscheidendes Element für die Entwicklung einer Region ist die Schaffung beziehungsweise Steigerung von sozialer Energie. Diese Energie entsteht durch den Austausch von Ideen, Gedanken und Emotionen. Eine GDI-Studie zeigt am Beispiel des Kantons Schaffhausen, wie eine Region dabei von seiner Mittelposition zwischen Land und Metropole profitieren kann.

Neue Ideen Glühlampen

Der nachfolgende Text basiert auf einem Auszug aus der GDI-Studie «Schaffhausen 2030», die Sie über unsere Website beziehen können.

Häufigere, längere und intensivere Interaktionen zwischen Menschen steigern die soziale Energie und damit die Anziehungskraft einer Region. Jedoch wirkte genau dieser Ansatz im Jahr 2020 eher wie ein Teil des Problems als wie ein Teil der Lösung. Interaktion förderte Infektion; aus dem Standortvorteil wurde ein Gesundheitsrisiko. Im übertragenen Sinn allerdings ist ansteckende Interaktion gerade das Ziel einer Regionalentwicklung, die auf die Erzeugung von sozialer Energie abzielt.

Damit kann ein Faktor hier eine Rolle spielen, der vorher nur einem Fachpublikum von Epidemiologinnen und Epidemiologen bekannt war, während der Covid-19-Pandemie aber breite Bekanntheit erreichte: der R-Wert. Die «Reproduktionszahl» gibt an, wie viele Personen eine infizierte Person im Durchschnitt ansteckt. Ist sie grösser als eins, überträgt jedeR Infizierte die Erkrankung an mindestens eine weitere Person – das Virus breitet sich aus. Ist die Zahl kleiner als eins, stecken sich immer weniger Menschen an und die Zahl der Infizierten geht zurück. Im Kontext der Regionalentwicklung lässt sich ein R-Wert für die Viralität von Interaktionen definieren: Wie ansteckend, wie anziehend ist der Austausch zwischen Menschen an einem Standort? Dieser R-Wert ist umso besser, je höher er ist: Es geht nicht um eine Ansteckung mit einer Krankheit, sondern um eine Ansteckung mit Gedankengut.

Im Buch «The Rules of Contagion: Why Things Spread – and Why They Stop» benennt der Epidemiologe Adam Kucharski vier Parameter, die das Ansteckungspotenzial eines Virus beschreiben. Auf Englisch beginnen sie mit den Anfangsbuchstaben D-O-T-S (dots, auf deutsch: Punkte).

  • Duration (Dauer): Je länger eine infizierte Person sich mit anderen Menschen austauscht, desto länger kann sie diese auch anstecken.
  • Opportunity (Gelegenheit): Mit wie vielen Menschen hat eine infizierte Person derart Kontakt, dass das Virus von einer Person zur nächsten gelangen kann?
  • Transmission Probability (Übertragungswahrscheinlichkeit): Wie wahrscheinlich ist es, dass das Virus auch tatsächlich von einer Person auf die nächste übertragen wird, wenn zwei Menschen sich treffen?
  • Susceptibility (Anfälligkeit): Wenn nun Zeit, Gelegenheit und Übertragungswahrscheinlichkeit vorliegen: Wie wahrscheinlich ist es dann, dass eine Person ein Virus empfängt und auch daran erkrankt?

Diese Punkte lassen sich auf die Entstehung und Verbreitung von sozialer Energie übertragen:

  • Duration (Dauer): Je länger wir etwas Neuem ausgesetzt sind, desto mehr Argumente gelangen zu uns und desto mehr Aspekte davon verstehen und akzeptieren wir. Auch die Umkehrung gilt hier: Je ausgefallener und visionärer etwas Neues ist, desto länger dauert es, bis es auf breitere Akzeptanz stösst.
  • Opportunity (Gelegenheit): Es braucht die richtigen Gelegenheiten und Rahmenbedingungen, um einen fruchtbaren Boden für neue Ideen und Erfahrungen zu bereiten. In der Regel sind das Orte und Situationen, die nicht in erster Linie für Effizienz, Management und Verwaltung stehen, sondern für Kreativität, Lernen und Ungezwungenheit.
  • Transmission Probability (Übertragungswahrscheinlichkeit): Die Wahrscheinlichkeit, dass Neues sich verbreitet, hängt stark davon ab, wie attraktiv dieses ist. Je stärker eine Idee ist, desto hartnäckiger setzt sie sich fest. Ebenfalls eine Rolle spielt dabei die Abwägung zwischen Verlustrisiko und erwartetem Nutzen.
  • Susceptibility (Anfälligkeit): Je offener der Geist, desto höher die Empfänglichkeit der Einwohnerinnen und Einwohner für Neues. Natürlich gibt es hier grosse Unterschiede von Mensch zu Mensch, von aufgeschlossen bis verknöchert.

Zusätzlich aber spielt für den Grad der Empfänglichkeit auch die Atmosphäre eine Rolle, in der sich der Austausch abspielt. Diese Atmosphäre wiederum wird von der Positionierung der Region beeinflusst: Wie offen gibt sie sich, wie offen ist sie tatsächlich? Bei einer Epidemie sollen das Ansteckungsrisiko und damit der R-Wert so gering wie möglich sein.

Bei der Regionalentwicklung werden hingegen R-Werte weit über eins angestrebt. Dafür muss das Neue mit möglichst vielen Personen und Anschauungen konfrontiert werden – frische IdeenbringerInnen müssen auf «Empfängliche» treffen.

Dieser Prozess ist nicht unendlich: Sobald genügend Menschen mit dem Neuen «infiziert» wurden, ist es nicht mehr neu – die Verbreitung flacht ab oder stoppt. Aber mit der nächsten Neuerung kann er wieder von Neuem beginnen. Zur Generierung sozialer Energie wird deshalb nicht einfach nur Empfänglichkeit für eine spezifische Neuerung benötigt, sondern eine generelle Empfänglichkeit. Und dafür wird ein Mindestmass von Dynamik zwischen Ideen, Menschen und Orten gebraucht.

Diese drei Elemente müssen in einem Gleichgewicht zueinander stehen: Neue Ideen und empfängliche Menschen ohne offene Orte sind genauso unproduktiv wie empfängliche Menschen und offene Orte ohne neue Ideen. Zwei Beispiele, wie ein solches Ungleichgewicht die Umwandlung von sozialer Energie in reale Wirtschaftsleistung behindert, stammen aus zwei der wichtigsten Metropolen Europas:

  • Im Berlin des frühen 21. Jahrhunderts wirkte der Spruch des damaligen Bürgermeisters Klaus Wowereit, Berlin sei «arm, aber sexy», zwar nach aussen hin cool, machte aber das Defizit der Stadt deutlich: Es fehlte (und fehlt weitgehend noch immer) ein Mechanismus, um Ideen produktiv zu machen. Empfängliche Menschen und offene Orte, die beide in Berlin im Übermass vorhanden sind, steigern das Vergnügen, aber nicht unbedingt die Wirtschaftsleistung.
  • Zur gleichen Zeit verfügte London über eine hohe Zahl von kreativen Personen, und gleichzeitig auch über viele hoch produktive Unternehmen in kreativen Branchen wie Werbung, Medien, Consulting. Jede neue Idee konnte schönste Früchte tragen. Woran es jedoch mangelte, waren offene Räume, in denen sich neue Ideen hätten entwickeln können: Überhitzte Immobilienpreise hatten subkulturelle Sumpfwiesen weitgehend ausgetrocknet. Für aufstrebende Kreative, die erst noch ihr Publikum finden mussten, war London schlicht zu teuer geworden.

Die GDI-Studie kommt zu dem Schluss, dass der Kanton Schaffhausen gerade von seiner Mittelposition zwischen Land und Metropole profitieren kann. Denn er bietet Mobilität und Stabilität zugleich, er gibt Wurzeln und verleiht zugleich Flügel. Die Verbindung scheinbar gegensätzlicher Welten kann ein produktives Spannungsfeld und damit Dynamik erzeugen.