Zhan Li: Jenseits des «Davos Man

Die Davos-Kultur werde von anti-globalistischen und populistischen Strömungen im Westen unter Druck gesetzt. Aber jetzt schon vom Tod des «Davos Man» zu sprechen wäre übertrieben: GDI-Researcher Zhan Li sieht in seinem «Outlook 2017» gute Chancen, dass sich das diesjährige WEF-Meeting der Herausforderung gewachsen zeigt – mit chinesischer Hilfe.

Am 17. Januar beginnt das Jahrestreffen des World Economic Forum in Davos, wobei der Zauberberg dieses Jahr so mit Teilnehmern überfüllt sein wird, dass die WEF-Planer für das kommende Jahr vorgeschlagen haben, einige Forums-Mitarbeiter in gemieteten Schiffscontainern unterzubringen.

Und erstmals besucht in diesem Jahr mit Xi Jinping ein chinesischer Präsident das Forum – an der Spitze einer riesigen Delegation von Beamten und Unternehmern. Einige sehen Xis Besuch vor allem als Teil der chinesischen Strategie für mehr globalen Einfluss, indem sie sich den abebbenden amerikanischen und europäischen Einfluss zunutze machen, der aus dem Aufstieg der anti-globalistischen und populistischen Bewegungen im Westen resultiert. Aber ein Motiv für Xis Besuch kann auch die Sorge Chinas sein, dass die internationale Unterstützung für die Globalisierung, von der es immens profitiert hat, gestärkt oder gar gerettet werden muss – und angesichts der populistischen Attacken gegen die kosmopolitische Eliten, mit denen das WEF stereotypisch verbunden wird, ist dessen Macht genauso gefährdet wie der Einfluss der in Davos vertretenen globalisierungsfreundlichen Netzwerke.

Bemerkenswerterweise haben die deutsche Bundeskanzlerin Merkel und der kanadische Premierminister Trudeau dieses Jahr beide auf einen Besuch in Davos verzichtet und ihrer jeweiligen Innenpolitik den Vorzug gegeben. Ebenfalls wird es keine hochrangige Präsenz der US-Regierung geben, denn dort steht die Amtseinführung des nationalistischen Präsidenten Trump bevor.

Im vergangenen Jahr wurde dem Forum häufig vorgeworfen, seine Gespräche hätten den Kontakt mit der Realität verloren, und das dortige Netzwerken würde in erster Linie den Einfluss der abgeschotteten herrschenden Eliten verstärken. Für das diesjährige Davos wird geargwöhnt, dass die dortige «Community of Communities» nicht viel gegen den Trumpismus und den weltweit zunehmenden Populismus tun werde und nicht deutlich genug machen werde, wie sehr dadurch die internationale Zusammenarbeit bei den grossen, globalen Problemen der Menschheit gefährdet werde.

Natürlich kann es so kommen. Aber was, wenn das Forum und der «Davos Man» (der stereotype kosmopolitische Globetrotter, der sich über die Grenzen der Nationalstaaten erhaben fühlt) in der Lage sind, sich weiterzuentwickeln und zu innovieren, um diesen Herausforderungen zu begegnen? Hier seien drei wichtige Akzentverschiebungen genannt, an denen beobachtet werden kann, inwieweit sie die Zukunft des «Davos Man» beeinflussen:

1) Das gestiegene und tatsächlich besondere Interesse Chinas am WEF deutet nicht nur auf mögliche verstärkte Kooperationen zwischen dem chinesischen Arm des WEF und der stark wachsenden Think-Tank-Szene in China hin, sondern könnte auch interpretiert werden als Bereitschaft Chinas, Soft-Power zur Unterstützung für den Kosmopolitismus einzusetzen, weit über traditionelle nationale Interessen. hinaus

2) Das WEF könnte über die Öffnung zur Technologie-, Innovations- und Start-up-Szene hinaus – die sich mit der Ankündigung manifestierte, einen Standort im Silicon Valley zu eröffnen – das Experiment wagen, sich selbst in eine technik- und datenbasierte Plattform für Wissensnetzwerke zu transformieren.

3) Die Frage steht im Raum, wie das Forum zu den führenden Netzwerken von Anti-Globalisten und Populisten auf der ganzen Welt in Kontakt treten und wie es sich ihnen gegenüber verhalten soll.  Als das Forum im Rahmen des Arabischen Frühlings 2011 erkannte, dass ihm die Verbindungen zur Generation der Millennials fehlte, reagierte es schnell durch den Aufbau seines «Global Shapers»-Netzwerks für junge Menschen. Jetzt eine Verbindung zu den Anti-Globalisten aufzubauen, stellt eine weit schwierigere Herausforderung dar – aber eine existenzielle.

Zhan Li ist Senior Researcher am Gottlieb Duttweiler Institut und Strategic Foresight und Narrative Specialist. Er hält einen Doktortitel in Organisationskommunikation von der Universität von South California und einem Masterabschluss in Medienwissenchaften vom Massachusetts Institute of Technology.

«Outlook 2017»: Vieles am Start ins Jahr 2017 fühlt sich wie eine Zeitenwende an. Neue Konflikte, neue Akteure, neue Risiken. Und, natürlich, neue Chancen. Im Umfeld der Tagung zur Zukunft der Macht fragen wir Referenten und globale Experten, was da ihrer Meinung nach auf uns zukommt. Ihre Antworten ergeben unseren «Outlook 2017».

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