Zeit ist Geld: Warum Kochen zum Luxus wurde und der Supermarkt stirbt

28.02.2020

Fleisch, oder nicht Fleisch – das ist nicht die einzige Frage, die die Arbeit einer Food-Trends-Forscherin ausmacht. Im Interview mit dem «Migros-Magazin» sprach GDI-Researcherin Christine Schäfer über Gentechnik, Geisterküchen und das Kochen als Statussymbol.

MM Inti Christine
Illustration: Uwe Stettler

Das nachfolgende Interview mit GDI-Researcherin Christine Schäfer wurde von Dinah Leuenberger und Yvette Hettinger für das «Migros-Magazin» aufgezeichnet, wo es in Gesamtlänge nachzulesen ist.

Es ist jetzt neun Uhr. Was haben Sie heute schon zu sich genommen, und wie sieht der Menüplan für den weiteren Tag aus?

Gestern Abend habe ich wie immer ein Müesli vorbereitet und es heute im Zug gegessen. Es ist ein Naturjoghurt mit Flöckli und Früchten, möglichst zuckerreduziert. Am Mittag esse ich in der Kantine des GDI, heute ist Vegi-Tag. Den Abend habe ich noch nicht geplant. Ein Snack vor dem Sport und einer danach ist wahrscheinlich.

Wie wird sich eine berufstätige 30-Jährige wie Sie im Jahr 2050 ernähren? Wird sie vegan leben?

Gut möglich. Vor 50 Jahren stand Fleisch auch nicht jeden Tag auf dem Speiseplan. Heute ist es ein Zugeständnis, wenn man als Nicht-Vegetarier einen Tag lang kein Fleisch isst. Wir werden den Fleischkonsum wieder eingrenzen, weil es immer bessere Alternativen gibt. Im Jahr 2050 könnte es tatsächlich eine vegane Gesellschaft geben, in der Kinder ihre Grosseltern fragen: Was, ihr habt damals Tiere in Ställe gezwängt und sie getötet, um sie essen zu können?

Wo wird die besagte Frau denn einkaufen?

Der ganz klassische Supermarkt, wie wir ihn heute kennen, wird wohl verschwinden. Ob alles online gehandelt wird, ist offen. Denn wir werden wohl nach wie vor Lebensmittel anfassen, ihren Ursprung kennen und uns mit den Produzenten austauschen wollen. Dieses Bedürfnis wird nicht verschwinden.

Werden wir 2050 überhaupt noch kochen?

In den grossen Städten der USA sind die Küchen tatsächlich am verschwinden. Sie werden kleiner, oder es gibt nur noch kleine Kochnischen, besonders in Singlehaushalten von denen es ja immer mehr gibt. Das Essen wird immer häufiger zu den Menschen nach Hause geliefert.

Werden wir in Zukunft noch wissen, wie man Lebensmittel zubereitet? 

Es gibt ja immer mehr Convenience-Produkte, die man nur mit heissem Wasser übergiessen oder in die Mikrowelle schieben muss. Das Know-how ist schon vor Jahren zu einem Statussymbol geworden: Schaut her, ich weiss, wie das geht. Stundenlanges Schmoren, Trocknen, Fermentieren. Darauf ist man stolz.

Klimakrise und -jugend machen Druck. Welche Veränderungen werden sich bei der Ernährung dadurch zuerst ergeben?

Wir werden nicht alle auf einen Schlag vegan leben. In der Schweiz ist der Fleischkonsum seit Jahren rückläufig. Daher wird es vermutlich mehr Flexitarier geben, die den Fleischkonsum reduzieren wollen. Auch die Nachhaltigkeit spielt eine Rolle. Ganz ohne Plastikverpackungen wird es aber wegen der Menge an Convenience-Produkten nicht gehen.

Wie können wir Menschen dazu bringen, ihre Gewohnheiten zu ändern, damit die gesamte Weltbevölkerung ernährt werden kann?

Ein Beispiel: Start-ups versuchen, mit pflanzlichen Proteinen zu arbeiten. Sie haben erkannt, dass man etwas schaffen muss, das aussieht und schmeckt wie Fleisch und dem in allen Belangen sehr ähnlich ist, aber das Klima weniger stark belastet. Damit erreicht man die, die nicht auf den Geschmack von Fleisch verzichten wollen. Das ist dann kein Befehl, sondern ein Angebot.

Wie soll ein Lebensmittelhändler auf Hypes reagieren?

Das ist eine der grossen Herausforderungen für Lebensmittelanbieter. Sobald sich ein Hype abzeichnet, ist es unter Umständen schon zu spät, um darauf zu reagieren, weil man nicht gleich die Produktionsanlagen oder Kapazitäten zur Verfügung hat.

Welchen Trend finden Sie als Expertin selbst super?

Die Fleischersatzprodukte finde ich spannend. Ich vergleiche deren Entwicklung gern mit dem iPhone: Die heutigen Geräte lassen das Ur-iPhone richtig alt aussehen. Ähnlich könnte es mit dem Pflanzenfleisch weitergehen. Denn bald könnte es wirklich kaum mehr von echtem Fleisch zu unterscheiden sein.

Und auf welchen Trend könnten Sie sehr gut verzichten?
Ich könnte nie komplett auf Flüssignahrung umstellen. Dafür esse ich einfach zu gern.

 

Das ganze Interview zum Nachlesen: «Migros-Magazin», 24. Februar 2020: «Auslaufmodell private Küche»