Wohntypen: Alle allein zu Haus?

22.08.2019

Ob freiwillig oder nicht – immer mehr Menschen leben heute allein. Eine Typologisierung der Solo-Wohnenden von GDI-Forscher Stefan Breit.

Dieser Text basiert auf einem Auszug aus der GDI-Studie «Microliving – Urbanes Wohnen im 21. Jahrhundert». Zum kostenlosen Download.

Pragmatismus, Lifestyle oder Not: Warum wir zunehmend alleine wohnen, hat verschiedene Ursachen. Und doch lassen sich gewisse Muster erkennen. Diesen ging Stefan Breit, Forscher am GDI und Autor der Studie «Microliving», nach. Auf der Grundlage von soziodemografischen und biografischen Gemeinsamkeiten hat er eine Typologisierung von Alleinlebenden vorgenommen: 

Die Studierenden

Studierende

Sie sind zwischen 16 und 30 Jahre alt und kommen nicht selten für ihr Studium in eine fremde Stadt, in der sie noch wenig Leute kennen. Für sie ist das Zuhause hauptsächlich eine Tankstelle, ein Ort zum Schlafen, um ihren Körper zu pflegen, zu regenerieren und sich ganz allgemein zurückzuziehen. Ihr Bedürfnis nach Interaktion ist hoch. Sie sind jung und flexibel, bleiben vielleicht nur ein Semester, maximal das gesamte Studium, bevor sie in die nächste Wohnung weiterziehen. Da trotz MOOCS (Massive Open Online Course) und boomender Education Technology die physische Vor-Ort-Präsenz im Studium mittelfristig nicht an Bedeutung verlieren wird, wird für die kommenden zehn Jahre eher von einem weiteren leichten Anstieg der Anzahl Studierender ausgegangen, die Zeit des stürmischen Wachstums – seit der Jahrtausendwende hat sich die Anzahl der Studierenden in der Schweiz auf 240 000 verdoppelt – ist jedoch vorbei. Die Szenarien des Bundesamts für Statistik gehen bis 2025 von einem Anstieg auf maximal 275 000 aus. 

Die Bescheidenen

Bescheidene

Die Gruppe der Bescheidenen, auch Minimalisten oder Reduktionisten genannt, lebt bewusst, vermeidet Überfluss und verzichtet freiwillig und ohne ökonomischen Druck auf Wohnfläche. Für sie ist das Zuhause ein Spiegelbild ihrer selbst. Dazu zählen etwa diejenigen, die bewusst auf Wohnfläche verzichten, um mehr finanzielle Möglichkeiten für andere Aktivitäten zu haben, oder jene, die sich in sozialen Medien schon einmal damit brüsten, mit nur hundert Gegenständen zu leben und dem Konsum abgeschworen zu haben. Letztlich jedoch handelt es sich bei den Minimalisten wohl um eine Minderheit, deren Mächtigkeit auch medial  überbewertet wird. Dennoch könnte sich ein Small-Living-Trend zum nächsten Modebegriff wie «vegan» oder «autofrei» entwickeln und an Bedeutung gewinnen – als Ausdruck einer Lebensweise, bei der der ökologische Gedanke im Zentrum steht. 

Die Multilokalen

Multilokale

Bei dieser Gruppe handelt es sich um all jene, die an mehreren Orten zu Hause sind. Einerseits gehören dazu die multilokal Wohnenden, die mehrere Wohnorte gleichzeitig haben. Bereits 28 % aller Schweizerinnen und Schweizer leben an mehreren Wohnorten. Zu den Multilokalen gehören auch solche, die ihre Wohnorte ständig wechseln und sich mit ihrer transportablen Identität einfach überall zu Hause fühlen. Es sind tendenziell junge oder junggebliebene, mobile und anpassungsfähige Personen, für die es beim Wohnen keine Staatsgrenzen gibt. Sie leben den Lebensstil des digitalen Nomaden, sind gut ausgebildet und brauchen wenig, um sich zu Hause zu fühlen – Internetverbindung, Arbeitsräume und eine Community genügen bereits, egal in welcher Stadt sie sich gerade aufhalten. Viel mehr als schlafen, ausruhen und Körperpflege findet zu Hause nicht statt, Arbeit und Karriere scheinen wichtiger. In diese Gruppe fallen auch all die projektbezogenen Angestellten mit befristeten Arbeitsverträgen, Geschäftsreisende, akademische Gäste und kurzfristig gesuchte qualifizierte Fachkräfte.

Die Solo-Männer und Solo-Frauen

Solo-Erwachsene

Bei dieser Gruppe handelt es sich um die Noch-Nicht-Festgelegten, um diejenigen, die früher etwas ironisch mit dem Peter-Pan-Syndrom in Verbindung gebracht wurden. Sie stehen für ein Ideal von Unabhängigkeit, sind flexibel, geniessen die Freiheit, sich nicht festzulegen und keine Kompromisse eingehen zu müssen. Sie vertreten ein bewusstes und stolzes Verständnis des Alleinseins, wohnen in den Trendquartieren der Stadt. Mit zunehmendem Anstieg des Heiratsalters sowie mit dem Bedürfnis nach einer längeren Ungezwungenheit wird diese Gruppe zukünftig wohl noch wichtiger, tendenziell werden sich auch die Anteile von Frauen und Männern angleichen.

Die G-Erwachsenen

G-Erwachsene

Es handelt sich bei dieser Gruppe um Erwachsene, die getrennt oder geschieden sind oder sich neu orientieren. Für viele bedeutet das Zuhause, ein Dach über dem Kopf zu haben – eine Notunterkunft nach der Trennung vom Partner oder der Partnerin. Diese Leute müssen sich zuerst neu ausrichten, das Leben wieder ordnen, und sie verbringen daher auch vermehrt Zeit zu Hause. Sie sind hungrig nach neuen sozialen Kontakten, bleiben aber nur so lange in ihrem neuen Daheim, wie sie müssen. Trotzdem kann es sein, , dass sie sich ein Zuhause auch längerfristig allein einrichten. Mit der fortschreitenden Fluidisierung der Lebensphasen wird wohl auch diese Gruppe noch wachsen – bereits heute hat sie eine grosse Bedeutung erlangt. 

Die Alten

Alte

Zu Hause sein, bedeutet für die Alten Erinnerungen, Familie, Gleichgesinnte. Sie schlafen, schauen TV, essen, ruhen – oder anders ausgedrückt: Sie verbringen einen Grossteil ihrer Zeit in den eigenen vier Wänden. Sie sind kaum noch mobil, bleiben, wo sie sind und sind affin für externe Services. Es handelt sich dabei mit Abstand um die grösste Gruppe unter den Alleinwohnenden. Je älter, desto grösser ist der Anteil an Alleinwohnenden – und desto weiblicher. In den meisten Fällen handelt es sich um Menschen, deren Partnerin oder Partner entweder in einem Altersheim lebt oder bereits gestorben ist. Sie sind meist nicht freiwillig allein, ziehen aber trotzdem nur aus ihrer Wohnung aus, wenn es gar nicht anders geht.