Wissenschaft, die uns klüger macht

01.01.2010

Die Verleihung des Gottlieb Duttweiler Preises an Ernst Fehr ist der Höhepunkt eines GDI-Schwerpunktjahres zur Verhaltensökonomie. Think-Tank-Leiterin Karin Frick zur Bedeutung dieser Disziplin.

Alle Diskussionen über die grossen Herausforderung unserer Zeit – Klimawandel, Umweltverschmutzung, knappe Ressourcen, Alterung und Umgang mit neuen Technologien – enden irgendwann mit der Forderung, dass wir unser Leben ändern müssen. Im «Age of Less» genügen technologische Durchbrüche und innovative Businessmodelle allein nicht. Ansätze, die auf smartere Technologien (green tech, clean tech) oder Nullwachstum und Verzicht setzen, gelingen nur, wenn die Menschen ihr Verhalten ändern.

Die technischen Möglichkeiten wachsen heute exponentiell. Doch die Menschen wandeln ihr Verhalten nur langsam, ihr Lerntempo ist begrenzt. Das führt dazu, dass die technische und ökonomische Entwicklung die menschliche Entwicklung überholt. Menschliches Verhalten wird somit zum kritischen Faktor, von dem abhängt, welche Veränderungen sich wirklich durchsetzen. Nur wer versteht, wie sich Menschen verhalten, was sie antreibt und was sie frustriert, kann neue Geschäfts- und Lebensmodelle – oder generell Innovationen – durchsetzen.

Die herkömmlichen ökonomischen, psychologischen und soziologischen Theorien können menschliches Verhalten nicht genügend gut erklären. Dieses ungenügende Verständnis führt dazu, dass Wirtschaft und Politik immer wieder am Faktor Mensch scheitern.

Die Verhaltensökonomie ist eine noch sehr junge vielversprechende, wissenschaftliche Disziplin, die dazu beiträgt, den Menschen und sein nicht rationales Wesen besser zu verstehen. Nur wenn wir verstehen, wie Menschen funktionieren, können wir Strukturen und Prozesse so gestalten, dass sie uns helfen, kluger zu handeln. Die Verhaltensökonomie liefert neue Grundlagen und Handlungsanleitungen für die Führung von Unternehmen und Staaten auf der Basis von aktuellen Daten, wie Menschen konkrete  Entscheidungen treffen.

Einen ersten Höhepunkt erlebte die Verhaltensökonomie mit der Verleihung des Nobelpreises an Daniel Kahneman im Jahr 2002. Seither hat sie sowohl in der Wissenschaft wie auch in der Praxis stetig an Bedeutung gewonnen. Eines der führenden Forschungszentren für Verhaltensökonomie beherbergt Zürich. Der Lehrstuhl von Prof. Ernst Fehr hat Pionierarbeit geleistet, um die Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften neu zu definieren. Unser Institut verleiht ihm im April den Gottlieb Duttweiler Preis für seine Verdienste.

Richard Thaler und Cass Sunstein haben mit dem Konzept des «nudge» (Anstupsen) die Verhaltensökonomie einem breiteren Publikum näher gebracht. Sie zeigen, wie Menschen sich zu klugerem Handeln anstossen lassen. Dan Ariely ist ein weiterer wichtiger Vordenker der Verhaltensökonomie, der in seinen Bestsellern «Predictable Irrational» und «The Honest Truth about Dishonesty» spannende Einblicke in die Logik der menschlichen Unvernunft gibt. Zum Beispiel, warum wir plötzlich mit unserem Gehalt unzufrieden sind, wenn wir erfahren, dass ein Kollege mehr verdient.

Weitere wichtige Verhaltensökonomen wie George Loewenstein (Carnegie Mellon University), Matthias Sutter (Universität Innsbruck) und Axel Ockenfels (Universität Köln) sorgen dafür, dass das Feld wächst und sich ausdifferenziert. Wer heute wissen will, wie Menschen denken, entscheiden und handeln, muss sich mit den Arbeiten dieser Verhaltensökonomen auseinandersetzen.