«Wir pflegen heute zehn soziale Identitäten»

27.10.2016

Unsere sozialen Identitäten – Mutter, Cellistin, Veganerin oder Bankangestellte – beeinflussen unser Verhalten stark. Wie viele solcher sozialer Identitäten haben wir heute? Und wie verändert die Digitalisierung unsere Identität? Antworten liefert die «Map of Identities» aus der GDI-Studie «We-Dentity».

Wer wir sind und wie wir uns verhalten, hängt stark vom sozialen Kontext ab, in dem wir uns befinden. Je nach Kontext sind wir zum Beispiel Mutter, Cellistin, Veganerin oder Bankangestellte. Und dies hat Einfluss auf unser Verhalten, denn jede dieser sozialen Identitäten ist mit sozialen Normen verknüpft.

Wir pflegen heute durchschnittlich zehn soziale Identitäten. Das ergab eine qualitative Befragung im deutschsprachigen Raum für die GDI-Studie «We-Dentity». Als historisch neue soziale Identität tritt dabei häufig eine virtuelle Identität hinzu. Während wir heute den digitalen Teil unserer Identitäten noch als separate, unabhängige Identität sehen, so werden wir morgen das Ich als Netzwerk aus verschiedenen voneinander abhängigen Identitäten verstehen – als «Netzwerk-Ich». Die Digitalisierung stellt uns dabei vor neue Herausforderungen, wie sich in der «Map of Identities» zeigt.



Die «Map of Identities» bildet die verschiedenen, in der qualitativen Befragung genannten Identitäten ab: Die horizontale Achse drückt die Gruppengrösse aus. Von der kleinstmöglichen Gruppe mit nur einer Person, welche oft unter «Privatperson» genannt wurde, über Kleingruppen mit zwei, fünf oder zehn Personen bis hin zu losen Konglomeraten mit hunderten, tausenden oder mehr Personen, wie sie beispielsweise im Beruf, der Nationalität oder dem Geschlecht zusammengefasst sind.

Die vertikale Achse zeigt auf, wie stabil, respektive flüchtig eine Identität ist. Während sich Familie oder Religion im Laufe des Lebens nicht wesentlich ändern, ist das Studium nach einigen Jahren abgeschlossen, oder das Hobby wird von Zeit zu Zeit gewechselt. Ein Date oder eine Situation als Kunde gar kann sich auf eine sehr kurze Zeitspanne beziehen und sich danach wieder verflüchtigen. Stabile Identitäten werden Entscheidungen stärker prägen, da sie schneller aktiviert werden.

Die Grösse der Kreise in der Darstellung entspricht in etwa der Anzahl Nennungen. Die Farbe der Kreise drückt aus, wie wichtig eine Identität ist, respektive wie stark sie im Alltag aktiviert wird. Nationalität, Geschlecht oder Religion sind zwar immer vorhanden, im Alltag aber nur selten aktiviert. Identitäten, welche täglich eine wichtige Rolle spielen – wie die Familie, der Beruf oder die Partnerschaft –, können schneller aktiviert werden und prägen Entscheidungen dadurch auch stärker mit.

Wir vernetzen uns mit immer mehr Menschen: Im Vergleich zu früher, als wir uns vor allem innerhalb der Familie, der Nachbarschaft oder des Landes bewegt haben, bewegen wir uns heute in mehr, grösseren, geografisch verteilteren und flexibleren Gruppen. Das Netzwerk­Ich wird wichtiger – und durch unsere Daten, welche wir online hinterlassen, auch sichtbarer. Wie ein neu erfundener Spiegel ermöglicht uns das Netzwerk einen neuen Blick auf uns selbst und unsere Kontexte.

Im Netzwerk ist die attraktive Position die vernetzte Position – es wird zum Eigeninteresse, sich sozial zu verhalten. Dies hat einen Wechsel von der «Me»-­ zu einer «We»-­Perspektive zur Folge. Sie zeigt auf, wie gross der Einfluss unserer sozialen Identitäten auf unser Verhalten ist: Unsere Entscheidungen werden zu einem Grossteil sozial gefällt und hängen somit vom Netzwerk ab.

Das macht unseren Umgang mit unseren sozialen Identitäten anspruchsvoller. Denn sie werden nicht nur für uns selbst sichtbarer. Auch wenn Handlungen in einem spezifischen Kontext unternommen werden, sind sie durch die gestiegene Transparenz zunehmend für das gesamte soziale Umfeld erkennbar; eine strikte Trennung zwischen zwei sozialen Identitäten ist kaum mehr möglich. Die verschiedenen sozialen Identitäten in Einklang zu bringen und das Potenzial für Rollenkonflikte zu minimieren, wird immer komplexer. Daraus entsteht die Notwendigkeit, unsere Identitäten zu managen – auf individueller, aber auch wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene.

Dies ist ein Auszug aus der GDI-Studie «We-Dentity» 2015. Die Studie können Sie hier bestellen.