Wir Kraftwerke

03.09.2019

Der Energie-Lifestyle der Zukunft schliesst mehr ein, als suffizienter zu leben. Durch den technologischen Fortschritt könnten wir bald selbst zum Kraftwerk werden und die von uns benötigte Energie selber produzieren, schreibt GDI-Forscher Stefan Breit in einer Studie.

Energie

Der nachfolgende Text basiert auf einem Auszug aus der GDI-Studie «Die neue Energiewelt – Vom Mangel zum Überfluss», die Sie kostenlos herunterladen können.

Vom Stausee des Elektrizitätswerks in den Bergen zum Solarpanel auf dem eigenen Dach: In den letzten Jahrzehnten wurde das Energiesystem zunehmend dezentralisiert und rückte so räumlich und gedanklich wieder näher an den Menschen. Die Entwicklung zum Prosumenten nimmt zu, also zu Personen, die gleichzeitig oder nacheinander Konsumenten und Produzenten sin . Leitmotive wie «Off Grid» – beispielsweise Häuser, die nicht an die örtliche Energieversorgung angeschlossen sind – stehen für einen autonomen und autarken Energie-Lifestyle. Daneben entstehen Bewegungen, die noch weiter gehen und bei der Energieproduktion am Menschen selbst ansetzen. 

Eine wichtige Rolle auf dem Weg zum Menschen als Kraftwerk können neue Materialien spielen. Denn der Mensch selbst ist eine grosse ungenutzte Energiequelle. Man denke nur an die unendlich erscheinende kinetische Energie, die der Mensch tagtäglich durch seine Bewegungen produziert. Forscher der Universität Dallas etwa haben  einen Faden («Twistron») entwickelt, der diese Energie zu nutzen versucht. Daraus könnte Kleidung entwickelt werden, die Energie aus der Bewegung des Trägers bezieht, um dessen kleine elektronischen Bedürfnisse zu stillen.

Durch Fortschritte bei sogenannten  Advanced Functional Materials (Materialien mit speziellen elektrischen, magnetischen oder optischen Eigenschaften) wird es zukünftig möglich sein, energieproduzierende Folien überall zu platzieren. Zum Beispiel als Tapeten auf Wände, als Tattoo auf den menschlichen Körper, aber auch als energieproduzierende Solarfarbe auf allen erdenklichen Oberflächen. «Kraftwerke zum Aufkleben» also, dank denen E-Book-Reader und ähnliche Geräte nicht mehr aufgeladen werden müssen, sondern die die zum Betrieb notwendige Energie direkt aus Umgebungslicht, Reibung oder Bewegung beziehen können.

Dereinst wäre sogar denkbar, dass wir ein Kraftwerk nicht nur an, sondern auch in unserem Körper tragen. Zum Beispiel in Form von Implantaten, die unser Empfinden von Wärme und Kälte verändern oder die das Sehen im Dunkeln ermöglichen würden. Durch eine solche (biologische) Verschmelzung von Mensch und Technik, auch als Cyborgismus bekannt, würde zwar nicht wie bei einem Elektrizitätswerk Energie produziert, jedoch könnte der eigene Energieverbrauch gesenkt werden. Denn wenn man sein Kälte- und Wärmeempfinden so regulieren kann, dass man nie friert, braucht es auch keine Heizung und wenn wir im Dunkeln sehen könnten, wäre Strassenbeleuchtung hinfällig.

Wenn wir in diesem Gedankenexperiment noch einen gewagten Schritt weiter gehen, dann wäre auch Photosynthese eine für den Menschen denkbare Strategie zur Energiegewinnung. Im Tierreich gibt es bereits Lebewesen, die auf diese Art ihren Energieverbrauch decken können. So etwa die Elysia chlorotica, eine Schneckenart, die sich von Algen ernährt, die darin enthaltenen Chloroplasten aber nicht verdaut. Sie bestehen im Körper der Schnecke weiter, was ihr ermöglicht, Photosynthese – die Umwandlung von Licht in Energie – zu betreiben. Als Menschen  könnten wir in Zukunft unsere Energie ebenfalls basierend auf dieser Technologie gewinnen. Die Energie, die wir durch Photosynthese erzeugen könnten, würde zwar auf absehbare Zeit bei weitem nicht ausreichen, um den Energiebedarf unseres Lebensstils zu decken. Dennoch könnte die innere Begrünung Teil dieses Lebensstils werden. Zum Beispiel könnten so Marathonläufer zukünftig in der Sonne etwas schneller unterwegs sein als im Schatten.