Wir könnten das Netz verlieren

Das Cluetrain-Manifest hat unser Verständnis des Internets geprägt. Bereits 1999 nahm es das Web 2.0 und Social Media vorweg. Jetzt warnen die Autoren mit neuen Thesen vor den Feinden des freien Netzes. «GDI Impuls» präsentiert die wichtigsten «new clues».

Dies ist die gekürzte Version eines Artikels aus dem «GDI Impuls». 
Von Doc Searls und David Weinberger
Übersetzung: Detlef Gürtler und Conceptbakery


Hör mal, Internet:

Es ist sechzehn Jahre her, dass wir zuletzt miteinander gesprochen haben. In dieser Zeit haben die Menschen das Internet zu einem grossartigen Ort gemacht. Von ernst über «lol» bis «wtf» haben wir Titanen gestürzt, Helden geschaffen und alles über den Haufen geworfen, was wir bis dahin darüber wussten, wie die Dinge funktionieren und wer wir sind.

Aber jetzt bedrohen zwei Horden all das, was wir füreinander erbaut haben. Die Wegelagerer verstehen das Internet nur zu gut. Sie halten uns für Idioten, sie wollen uns ausplündern, uns unsere Daten und unser Geld abnehmen.

Aber die gefährlichste von allen ist die dritte Horde: wir selbst. Eine Horde ist eine undifferenzierte Masse von Menschen. Aber die Grossartigkeit des Internets besteht darin, dass es uns als Individuen verbindet, so vielfältig und verschieden, wie wir eben sind. Wir alle mögen Massenunterhaltung. TV ist ziemlich gut geworden in diesen Tagen, und das Netz lässt es uns sehen, wann immer wir wollen. Geil. Aber wir sollten daran denken, dass die Verbreitung von Massenmedien die unwichtigste aller Fähigkeiten des Internets ist.

Die Superkraft des Netzes ist, dass wir uns ohne Genehmigung verbinden können. Seine Allmacht besteht darin, dass wir aus ihm machen können, was immer wir wollen. Deshalb ist es nicht an der Zeit, sich zurückzulehnen, den ach so leckeren Junkfood zu konsumieren, den Idioten und Wegelagerer uns anbieten, und so zu tun, als ob unsere Arbeit erledigt wäre.

Jetzt schon ist das Internet Opfer von Leichenfledderern, wird ihm Organ für Organ entrissen. Es kann uns passieren, dass wir das Internet, so, wie wir es lieben, verlieren. Es ist höchste Zeit, das Feuer wieder anzufachen. Wir, die Bürger des Internets, müssen uns der Herrlichkeit seiner Offenbarung erinnern, um es als das zurückzuerlangen, was es wirklich ist.

> 3 Verizon, Comcast, AT & T, Deutsche Telekom und China Telecom sind nicht Eigentümer des Internets. Facebook, Google und Amazon sind nicht die Könige des Netzes – und auch ihre Algorithmen sind es nicht. Keine Regierung und keiner ihrer Verbände werden von uns als Souverän des Netzes akzeptiert.

> 7 Das Internet gehört uns.

> 13 Das Internet ist also nicht für etwas Spezielles gemacht. Nicht für soziale Netzwerke, nicht für Dokumente, nicht für Werbung, nicht für Unternehmen, nicht für Bildung, nicht für Porno, nicht für irgendwas. Es ist speziell für alles gemacht.

> 14 Wenn man das Internet für einen bestimmten Zweck optimiert, deoptimiert man es für alle anderen.

> 15 Das Internet ist wie die Schwerkraft wahllos in seiner Anziehungskraft. Es zieht uns alle an, die Helden und die Schurken gleichermassen.

> 19 Das Netz ist ebenso wenig ein Medium, wie ein Gespräch ein Medium ist.

> 20 Im Netz sind wir das Medium. Wir sind es, die Botschaften versenden – jedes Mal, wenn wir etwas posten oder retweeten, einen Link per Mail oder in einem sozialen Netzwerk weitergeben.

> 23 Wir bewegen nur dann eine Botschaft durch dieses «Medium», wenn sie etwas für uns bedeutet, auf eine der unendlich vielen Weisen, wie Menschen sich um etwas kümmern.

> 35 Die Dämonisierung der «anderen» – Menschen, die anders aussehen, reden, denken, zusammenkommen als wir, die wir nicht verstehen, mögen oder tolerieren – ist im Internet schlimmer als jemals zuvor.

> 42 Das Netz bietet uns allen einen Platz, an dem wir wir selbst sein können und uns daran erfreuen können, dass die anderen anders sind.

> 49 Offensichtlich ist es nicht so einfach, auch den anderen interessant zu finden, wie es auf den ersten Blick erscheint.

> 51 Einladend sein: Das ist das Beste, was das Netz von den Kulturen der realen Welt lernen sollte.

> 52 Beim ersten Mal lagen wir richtig: Märkte sind Gespräche.

> 53 Es ist kein Gespräch, wenn dein Unternehmen uns am Ärmel zupft, um uns ein Produkt aufzudrängen, von dem wir nichts hören wollen.

> 54 Wenn wir die Wahrheit über eure Produkte wissen wollen, fragen wir uns untereinander.

> 55 Natürlich sind diese Gespräche für euch unschätzbar wichtig. Euer Pech – sie gehören uns.

> 56 Ihr seid herzlich eingeladen, euch an unseren Gesprächen zu beteiligen. Aber nur, wenn ihr uns sagt, für wen ihr arbeitet, und wenn ihr für euch selbst und als ihr selbst sprechen könnt.

> 57 Immer wenn ihr uns «Konsument» nennt, fühlen wir uns wie eine Kuh, die das Wort «Fleisch» hört.

> 59 Keine Sorge! Wir sagen euch Bescheid, wenn wir etwas kaufen wollen. Aber auf unsere Art. Nicht auf eure. Vertraut uns: Das ist auch für euch das Beste.

> 62 Persönlich ist menschlich. Personalisierung nicht.

> 70 Bei Websites geht es um Vernetzung. Bei Apps um Kontrolle.

> 71 Auf dem Weg von der Web-Welt zur App-Welt verlieren wir, was wir gemeinsam aufgebaut haben.

> 78 Wenn das Internet für dich Facebook bedeutet, dann hast du dir von einem Unternehmen Scheuklappen aufsetzen lassen, das seine Aufgabe darin sieht, dich davon abzuhalten, diese jemals wieder abzusetzen.

> 84 Okay, Regierung, ihr habt gewonnen. Ihr habt unsere Daten. Nun, wie können wir sicherstellen, dass ihr sie gegen «die», nicht gegen «uns» verwendet? Kennt ihr überhaupt den Unterschied?

> 85 Wenn wir wollen, dass unsere Regierung sich zurückzieht, dürfen wir uns bei der nächsten Attacke nicht darüber beschweren, dass wir nicht besser überwacht wurden.

> 90 Das Internet ist fast noch ein Teen. Bezüglich der Privatsphäre stehen wir am Anfang, nicht am Ende.

> 91 Wir können nur herausfinden, was «privat» bedeutet, wenn wir herausfinden, was «sozial» heisst. Und wir haben gerade erst damit begonnen, dies neu zu erfinden.

> 105 Wir sollten jene Künstler und Kreativen unterstützen, die uns erfreuen oder unsere Lasten erleichtern.

> 107 Wir leben in einer Kultur, die das Teilen unterstützt und Gesetze hat, die den Urheber schützen. Das Urheberrecht hat seine Existenzberechtigung. Aber im Zweifel für die Offenheit.

> 108 Im falschen Kontext ist jeder von uns ein Arschloch. (Auch wir. Aber das wusstet ihr ja schon.) Wenn man also Menschen zum Schwimmen einlädt, sollte man die Regeln gut sichtbar aufhängen. Trolle, raus aus dem Pool!

> 117 Wir, die Bürger des Netzes, können noch nicht erfassen, wie viel wir gemeinsam erreichen können, da wir noch lange weiter herausfinden werden, wie wir zusammen sein können.

> 118 Das Internet hat eine uralte Kraft befreit – die Anziehungskraft, die uns zusammenbringt.

> 121 Lang lebe das Internet, das wir lieben können.

Alle 118 Thesen finden sich hier.