«Wie wird Lust bei Maschinen aussehen?»

«GDI Impuls»: Wie sich Wirtschaft und Gesellschaft weiterentwickeln, hängt auch davon ab, welche Geschichten von ihrer Zukunft erzählt werden. Ein Gespräch mit Philipp Theisohn (Universität Zürich) über Comics, Märchen und Zukunftsliteratur.

Dies ist ein Auszug eines Artikels der aktuellen Ausgabe von «GDI Impuls».
Interview: Detlef Gürtler

Herr Theisohn, wenn die Zukunftsforscher aufschreiben, was uns erwartet, klingt das ziemlich grauslich: Singularität, Überalterung, Klimakatastrophe, Überwachungsstaat. Klingen die Zukunftsliteraten besser?
Auf jeden Fall lesen sie sich besser. Und in vielen Fällen liefern sie auch die besseren Ergebnisse. Wer Zukunft beschreiben will, indem er von der Gegenwart aus Linien zieht, kann natürlich einiges berechnen – bekommt aber so keine Realität zustande. Wir haben beispielsweise seit vier oder fünf Jahrzehnten Forschungen über die Zukunft des Sozialstaats in der Schweiz.

Immer Trendfortschreibungen…
…und immer stehen unterm Strich Alterung und defizitäre Sozialsysteme. Wir werden weniger, die Alten werden mehr   – aber so etwas wie Migration kommt da praktisch nicht vor. Dass eine Krise im Nahen Osten irgendwann einmal eine grosse Rolle in der Entwicklung der Schweiz spielen würde, ist da nicht vorgesehen.

In der Science-Fiction-Literatur allerdings auch nicht.

Eine Fiktion kann aber deutlich besser mit Umbrüchen umgehen als die Trendfortschreibung. Sie kann ein beliebiges Szenario setzen: ob Überbevölkerung oder Umweltkatastrophe, unbegrenzte Energie oder genetische Optimierung. Und dann schildern, was genau in einer Welt mit dieser Setzung passiert. Dabei erhält man eine ganze Menge Details, Emotionen, Störungen oder Ähnliches, die sich nicht aus einer Fortschreibung der Gegenwart ergeben und gerade deshalb realistisch sein können.

Für einige der nächsten technischen Entwicklungsschübe lässt sich Gegenwart ohnehin nicht fortschreiben, weil sie dort ja gar nicht existieren: Das Internet der Dinge beispielsweise oder der Transhumanismus. Wie kommen wir zu den Bildern und Geschichten, die wir benötigen, um uns damit vertraut zu machen?

Zurzeit holen wir sie aus Märchen und Comics. Die Bilder für das Internet der Dinge sind sprechende Spiegel wie bei den Brüdern Grimm, Zauberbesen wie bei Goethes Hexenmeister oder auf den Konsumenten einflüsternde Waren wie in «Minority Report». Und um den Transhumanismus zu erfassen, bedienen wir uns bei den Superhelden-Comics des Marvel-Universums. Die Geschichten von den letzten Paralympics etwa wurden inszeniert wie X-Men-Geschichten aus dem Kino: Ursprünglich durch einen Schicksalsschlag ausgeschlossen, wachsen sie im Zusammenwirken mit der Maschine über sich hinaus, sodass sie uns allen überlegen sind.

Dann würden wir uns mit Maschinen kreuzen.
Was eine interessante Fragestellung aufwirft. Kreuzung ist Reproduktion, Reproduktion wiederum ist evolutionär mit Sexualität verbunden. Und die wiederum mit Emotionen. Wenn in der Literatur Emotionen von Maschinen beschrieben werden, sind diese sehr an den Emotionen der heutigen Menschen orientiert. Aber wie wird Lust bei Maschinen tatsächlich aussehen?

Bisher gibt es keine Verbindung zwischen diesen beiden Begriffen…

Sie können sich aber näher kommen. In vielen Fällen betrifft bei Menschen Sexualität nicht mehr ein unmittelbares Erleben, sondern ein vermitteltes – ob durch die Kirche, die sagt, wie Sex nicht sein darf, oder durch Pornografie. Sex wird ein Konsumgut, und das kann man auch synthetisieren.

Maschinen-Sex und Superhelden-Prosa: Das klingt so, als würde die Zukunft zur Abwechslung mal wieder in Rosarot statt in Schwarz gemalt.
Wenn wir beim Malen der Zukunftsbilder bei der Technik hängen bleiben, kann das tatsächlich passieren. Grundsätzlich sind Menschen schon technikoptimistisch. Vermutlich eher zu optimistisch. Denn es geht ja nicht nur um neue Produkte, sondern auch um neue Produktionsverhältnisse. Schön, wenn Technik so wirkt wie ein Zauberstab – aber verändert sie dabei nicht auch die Art, wie wir zusammenleben? Und das vielleicht auch auf eine Weise, wie wir sie gar nicht haben wollen?

Wenn die zukünftige Gesellschaft immer stärker von Maschinen gesteuert wird: Kann es sein, dass wir ihre Funktionalität dann gar nicht mehr beschreiben können, weil wir sie nicht mehr verstehen?
Dass wir nicht mehr verstehen, was vor sich geht, ist sehr gut möglich. Wenn auf einmal die Dinge miteinander kommunizieren, ohne dass wir das bemerken – wie das Internet der Dinge ja definiert ist –, könnten wir in das hineinkommen, was Hans Blumenberg den «Absolutismus der Wirklichkeit» genannt hat. Dann merken wir zwar noch, dass da etwas vor sich geht, aber wir verstehen nicht mehr, was es ist. Allerdings kann genau daraus wieder eine ganz neue, fruchtbare Literatur entstehen – weil wir dann wieder Mythen erfinden müssen, um uns das zu Nichtverständliche zu erklären.