Wie wir gelernt haben, Produkten zu vertrauen

24.04.2014

Von der Liebesbeziehung ins Marketing: Ute Frevert vom Max-Planck-Institut zeigt, wie in den
vergangenen 300 Jahren immer mehr Lebensbereiche zu Vertrauenssphären
wurden. Im Juni referiert die Gefühlshistorikerin am GDI.

Man könnte der Meinung sein, das Skandalöse am NSA-Abhörskandal liege auf der politischen oder juristischen Ebene: Schliesslich wurden Verträge gebrochen. In den Medien wurden die Vorkomnisse aber vor allem als Vertrauensbruch thematisiert. Warmum eigentlich? Und wie sind wir überhaupt darauf gekommen, Machtapparaten wie Regierungen zu vertrauen? Oder, noch unratsamer, Geheimdiensten?

Im Buch «Vertrauenfragen. Eine Obsession der Moderne» zeigt Professorin Ute Frevert, wie sich die Einflusszone des Vertrauens seit dem 18. Jahrhundert ausgeweitet hat. Tauchte das Gefühl vor 300 Jahren in erster Linie als Bindekraft zwischen Gott und Menschen auf, kittete es im 19. Jahrhundert die Beziehung zwischen Liebenden und Freunden (was in der Antike übrigens nicht der Fall war: Da sprach man von geteilten Interessen und dem gemeinsamen Gut).

Im 20. Jahrhundert schliesslich begannen die Menschen, auch in Wirtschafts- oder Politikfragen mit Vertrauen zu argumentieren. Kunden sollten Produkte lieben und ihnen also vertrauen lernen. Die Währung, mit der gewählte Politiker und für das (Nicht-)Einhalten ihrer Versprechen entlöhnt wurden, war jetzt das Vertrauen: Wem nicht geglaubt werden kann, wird nicht wiedergewählt.

Im 21. Jahrhundert ist Vertrauen zum Leitmotiv allen sozialen Handels geworden – und wird so anfällig für Missbrauch, wie folgender Beitrag von Deutschlandradio Kultur zeigt.






Am 18. Juni referiert Frevert im GDI an einem «Food for Thought»-Abend zum Thema «Digitale Gefühle: Warum wir heute mehr Empathie und weniger Scham empfinden». Melden Sie sich an!