«Wie wär’s mit einer Algorithmen-Versicherung?»

Der Prognoseboom wird die Geschäftsmodelle der Versicherungsbranche umkrempeln. Aber kein Grund zu Panik, sagt Amelia Lorenzo, Head of Market Dynamics & Opportunities bei Swiss Re – so lange es Risiken in einer Gesellschaft gibt, wird man sich auch dafür schützen wollen.

Amelia Lorenzo Swiss Re

GDI: Frau Lorenzo, je besser die Prognose-Methoden werden, desto besser können die individuellen Risiken für spezielle Situationen oder einzelne Aktivitäten berechnet werden. Das könnte eine grosse Chance für die Versicherer sein – denn dann könnten Sie möglicherweise alles überall und für alle versichern.
Amelia Lorenzo, Swiss Re: Vom Konzept her ist es eine grosse Chance. Vom Umsatz her könnte es hingegen eine Nummer kleiner aussehen. Mehr oder bessere Modelle bedeuten nicht unbedingt mehr Versicherungsgeschäft. Oder sind Sie etwa bereit, sich gegen alle Risiken, denen sie ausgesetzt sind, zu versichern? Bislang gibt es bei individualisierten Versicherungslösungen nur wenige skalierbare Erfolgsgeschichten. Nehmen wir das Beispiel einer Mikro-Versicherung für Mobilität, die nur eine einzige Autofahrt abdeckt. Solche Einzelfahrt-bezogenen Modelle gibt es seit über 20 Jahren, sie hätten theoretisch zu Kassenschlagern werden können – aber in der Praxis ist es eine Nischenlösung, die nur wenige Versicherer anbieten.

Warum? Der Markt für Ride-Sharing wächst rasant und wird das auch weiterhin tun.  
Zweifellos, aber den Versicherern fehlen die Daten, um das Risiko von Einzelfahrten zu bewerten. Die grossen Sharing-Plattformen gibt es erst seit wenigen Jahren und sie veröffentlichen jeweils nur einen Datenpunkt, den einzigen, der für ihren Erfolg relevant ist: den Preis pro Fahrt. Wie können Versicherer die Risiken einer einzelnen Fahrt bewerten, ohne Informationen über den Fahrer oder das Auto zu haben? Sie benötigen ein Mindestmass an historischen und kontextbezogenen Daten, um Risiken bepreisen zu können. Die Sharing-Plattformen geben immer noch viel zu wenig verlässliche Daten an, als dass aus der Einzelversicherung ein Mainstream-Produkt werden könnte.

Um das zu erreichen, muss man nur ein paar Jahre warten, oder?
In Bezug auf die Datenverfügbarkeit: ja. In Bezug auf das Geschäftsvolumen: nicht unbedingt. Aus Kundensicht ist eine Versicherung für Einzelfahrten ein attraktives Angebot. Aber wie sieht das aus Sicht der Versicherer aus? Sie müssten Millionen dieser günstigen Einzelversicherungen verkaufen, um einen attraktiven Gewinn in absoluten Zahlen zu erzielen. Entsprechend gering ist heute der Anreiz für etablierte Versicherungsunternehmen und -makler, die Entwicklung solcher individualisierter Versicherungen voranzutreiben. Sie werden die Chancen grösserer Datenmengen und besserer Prognosemodelle lieber für "grosse" kommerzielle Deals nutzen als für kurzfristige Mikrotransaktionen mit geringem Gewinnpotenzial. Versicherungs-Start-ups werden natürlich diese von etablierten Akteuren vernachlässigten Räume nutzen.

Und wenn es eines Tages gar keine grossen Deals mehr gibt?
Das ist ein sehr grosses WENN. In Zukunft werden grosse Versicherungs-Deal anders aussehen, aber nicht verschwinden. Die technologischen Entwicklungen verändern die Risikolandschaft in allen Geschäftsfeldern und verlagern oft das Risiko vom Anwender auf den Hersteller. Nehmen wir das Beispiel der Kfz-Versicherung: Heute haften Einzelpersonen für Autounfälle, nämlich die jeweiligen Verursacher eines Unfalls. In Zukunft kann es passieren, dass der Hersteller einer Navigations-Software oder der Produzent eines selbstfahrenden Autos für Unfälle zur Verantwortung gezogen werden. Für etablierte Versicherer kann es dann finanziell sinnvoller sein, ihre Ressourcen einzusetzen, um Paketlösungen für Softwareunternehmen und Autohersteller zu entwerfen. Ein solches Paket kann mehr absoluten Gewinn bringen als zehn Millionen kurzfristige Pay-as-you-go-Verträge.

Auch wenn Sie mit individualisierten Versicherungen nicht viel verdienen, können sie dennoch wertvolle Türöffner sein. Sie bieten Kunden einen Anreiz, Ihre App herunterzuladen und erhalten dadurch die Möglichkeit, ihnen weitere Produkte zu verkaufen.
Bis zum App-Download könnten wir die Kunden wohl bringen, aber Cross-Selling hat in der Versicherungsbranche weniger Potenzial als im Konsumgüterbereich. Unser Potenzial liegt nicht so sehr in neuen Verkaufskanälen für traditionelle Produkte als vielmehr in der Entwicklung von neuen Produkten. Rückversicherer und Versicherer entwickeln sich weg vom Fokus auf große, beängstigende Ereignisse (wie Erdbeben oder Überschwemmungen) und hin zum Verkauf von Lösungen für alltäglichere Probleme – für das, was die Kunden nachts wach hält. Sie haben dabei in den letzten zehn Jahren große Fortschritte gemacht, aber es besteht immer noch ein Missverhältnis zwischen den verfügbaren Versicherungsprodukten und den Risiken, die Einzelpersonen und Unternehmen absichern wollen. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir bald dort sein werden: Der notwendige Mentalitätswandel vollzieht sich.

Versicherungen sind nicht nur ein Teil der privaten Wirtschaft, sondern auch Teil des sozialen Systems. Einige Versicherungsprodukte sind sogar elementar für den Bestand des sozialen Gefüges einer Gesellschaft. Wenn die individuellen Risiken immer besser prognostiziert und kalkuliert werden können, kann der Anreiz für gemeinschaftliche Sicherungen abnehmen – und die Solidarität innerhalb der Gesellschaft beschädigt werden.
Da bin ich anderer Meinung. Es wird immer Risiken geben, die Menschen verbinden. Die Art dieser Risiken wird sich jedoch im Laufe der Zeit ändern. Heute können Sie argumentieren, dass Sie lieber Geld für Ihre individuelle Gesundheitsvorsorge ausgeben, als sich an einem Solidarsystem zu beteiligen, das auch Menschen mit ungesunden Ernährungs- und Lebensgewohnheiten versichert. Möglicherweise sind Sie jedoch bereit, eine Versicherung zu zahlen, die Ihr Unternehmen oder Ihre Gemeinde vor Cyber-Attacken schützt. Es wird neue oder wachsende Risiken geben, deren Folgen schwer vorhersehbar sind. Die Menschen werden sich gerne in ein Versicherungssystem einkaufen, um sich gegen diese Risiken abzusichern.

Können Sie einige dieser «neuen oder wachsenden Risiken» nennen?
Ein Beispiel ist der Trend zu Smart Cities, durch den sich das Cyberrisiko erhöht. Weitere Beispiele sind die zunehmende Lebenserwartung, Migrationswellen oder drohende Nahrungsmittelknappheit. Wenn Regierungen, Erst- und Rückversicherer sich zu solchen Themen lösungsorientiert an einen Tisch setzen, könnten sie – auf der Grundlage des Solidarprinzips – Lösungen entwickeln, um Risiken dieser Art zu managen.

Das Überleben des Solidarprinzips hängt also nicht davon ab, wie viele bisherige Versicherungssysteme veralten, sondern davon, ob es schwer vorhersehbare Risiken für die Gesellschaft gibt?
Ja. Exaktere Prognosen und bessere Verfügbarkeit von Informationen über Risiken bieten den Menschen Anreize, einen Teil der heutigen versicherten Risiken selbst zu übernehmen. Allerdings werden immer neue, schwer vorhersehbare Risiken aufkommen, für die eine Bündelung der Risiken eine gute und kostengünstige Option ist. Vielleicht will man sich in zehn Jahren nicht mehr gegen den Diebstahl von Fahrrädern versichern, sondern gegen den Raub digitaler Identitäten. Oder wie wär’s mit einer Algorithmen-Versicherung, die vor Schäden durch parteiische Software schützt? Ich glaube nicht, dass das Solidarprinzip in Gefahr ist – ich glaube jedoch, dass die Versicherer die Grenzen der versicherbaren Risiken erweitern müssen, um ihr Geschäft auszubauen und die zentrale Rolle der Branche für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt zu unterstreichen.

Das würde einen Boom in der Produktentwicklung bedeuten.
Bei der Entwicklung neuer Produkte, neuer Vertriebsansätze und bei Public-Private Partnerships.  

Werden etablierte Versicherungsunternehmen diesen Boom der Produktentwicklung auslösen oder werden Start-ups ihn antreiben?
Sowohl als auch. Viele innovative, personalisierte Produkte werden von Start-ups kommen. Sie sind agil und können technologische Entwicklungen voll ausschöpfen, um Lösungen zu gestalten, die für die Kunden attraktiv und kostengünstig sind. Die versicherungsrechtliche Regulierung beschränkt jedoch tendenziell die geografischen Auswirkungen von Unternehmensgründungen auf ein Land. Die etablierten Unternehmen geben sich grosse Mühe – ich leite ein Team, das sich dafür einsetzt! – das vorhandene Risikowissen und die globale Reichweite zu nutzen, um neue Produkte zu erschliessen und die bestehende Produkte effizienter und kundenorientierter zu machen. Ich glaube, dass Versicherer und Rückversicherer in den nächsten fünf Jahren viel dynamischer und innovativer sein werden.

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