Wer den stationären Handel abschreibt, ist naiv

24.07.2014

Ein Start-up, das wächst und wächst: Outfittery kleidet Männer ein und bietet Online-Shopping mit menschlicher Beratung. COO Anna Alex erklärt ihr Erfolgsmodell – hier im Interview und bald an der GDI-Handelstagung.

Männer shoppen nicht gern. Zumindest sagt das ein Gemeinplatz, den sich das deutsche Start-up Outfittery zunutze macht. Outfittery kleidet Männer ein und verbident dabei die Bequemlichkeiten von Online-Shopping mit der Stärke des stationären Handels, der Beratung. Wie das funktioniert, zeigt folgender Beitrag aus dem «ZDF Morgenmagazin»:Outfittery wurde 2012 von Anna Alex und Julia Bösch in Berlin gegründet und wächst seither. Das Unternehmen hat in gut einem Jahr 100’000 Kunden gewonnen. In derselben Zeit vervierfachte sich die Zahl der Mitarbeiter auf 100. Im kommenden September referiert Anna Alex, COO von Outfittery, an der GDI-Handelstagung. Anlässlich ihres Referats stellt sie sich unseren Fragen. Frau Alex, Outfittery verkauft Männerkleider in passender Zusammenstellung. Warum kaufen Ihre Kunden bei Ihnen ein?Aus zwei Gründen. Der erste ist Convenience: Kunden können in einem zehnminütigen Telefonat einen Einkauf erledigen, der sie sonst gut und gerne einen halben Tag kosten kann. Weiter schätzen es unsere Kunden, eine qualitative und unkomplizierte Beratung in Modefragen zu erhalten. Dass alle unsere Style-Experten aus der Fashion-Branche kommen und auch die nötige Erfahrung mitbringen, ist sicherlich ein Grund für unseren Erfolg. Was kann Ihr Online-Dienst, was gute Verkäuferinnen in guten Läden nicht können?Zum einen können wir dem Kunden den Weg in den Laden ersparen, zum anderen bauen wir gemeinsam mit dem Kunden eine langfristige Beziehung auf, in der wir ihn gut kennenlernen. Die Kundenberaterin im Laden muss schliesslich jedes Mal aufs Neue die passenden Grössen und Marken herausfinden. Dies liegt jedoch keinesfalls an der Kompetenz der Verkäuferinnen, sondern am Geschäftsmodell des stationären Handels.Ihr Businessmodell setzt auf Personal und Curated Shopping – warum?Weil Curated Shopping ideal zum Zeitgeist passt. Mit wenig Zeitaufwand ein perfektes Shopping-Ergebnis zu erzielen, ist schliesslich der Traum eines jeden Mannes. Die Konsumenten werden überflutet von Werbung und Angeboten, neue Brands erscheinen monatlich, und in Online-Shops finden sie tausende von weissen Hemden. Outfittery bietet hier eine gute Lösung an. Was können andere Händler von Ihnen lernen?Bei Outfittery liegt der Fokus auf dem Kundenservice und dem Kundenerlebnis. Wir befassen uns täglich mit der Frage, wie man die Männerwelt beim Shoppen glücklicher machen kann. Den Fokus auf Nachhaltigkeit und den Kunden, diese Kombination ist sicherlich ein wichtiger Erfolgsfaktor. Sie entstammen dem Umfeld der Brüder Samwer, zwei deutsche Internet-Unternehmer, die nicht müde werden, den stationären Handel für tot zu erklären. Warum eröffnen Sie gerade jetzt Ihren ersten Laden am Flughafen Hamburg?Wir sind nicht der Meinung, dass der stationäre Handel einfach verschwinden wird. Die Königsdizplin ist, Offline- und Online-Handel erfolgreich zu kombinieren. Ob das analoge Pendant aber nun Filial-Kette, Pop-Up Store oder Outlet-Store heisst, hängt vom jeweiligen Geschäftsmodell ab. Den stationären Handel vollkommen abzuschreiben wäre jedoch naiv.Sie selber sind jung, weiblich, beruflich erfolgreich, haben entsprechend wenig Zeit – und gehören so zu einer wachsenden Zielgruppe. Bisher sprechen Sie mit Outfittery aber nur Männer an. Warum lassen Sie sich die Frauen entgehen?Wir kriegen ständig Anfragen von den Damen unserer Kunden, da sie bei der Anprobe der Outfits ja meisten mit dabei sind oder beim Date damit überrascht werden. Jedoch liegt der momentane Fokus schlicht und ergreifend auf der territorialen Expansion und der stetigen Service-Optimierung. Sie erobern mit Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden gerade den europäischen Markt. Als nächstes folgt der skandinavische Raum. Wo steht Outfittery in 5 Jahren?Unser Ziel ist es solide zu wachsen und uns als Marktführer in allen existierenden Märkten zu etablieren. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass auch andere Nationen in Europa sich über unseren Dienst freuen würden. Sie sind ein Aushängeschild der Berliner Start-up-Szene: Was können klassische stationäre Händler von Ihrem Erfolgsmodell lernen?Wir finden es wichtig, eine gesunde Balance aus Offline und Online aufzubauen, aber auch den Fokus auf ein nachhaltiges und serviceorientiertes Wachstum nie zu verlieren.