Watson, der Roboter-Psychologe

23.06.2015

Sag mir was Du schreibst, und ich sag dir, wer du bist: «Watson», die IBM-Software mit menschenähnlicher Intelligenz, analysiert Texte und folgert daraus psychologische Rückschlüsse auf seine AutorInnen. Ein kühner Schritt auf dem Weg, Menschen für Maschinen berechenbar zu machen.

Dies ist ein Artikel aus der aktuellen Ausgabe von «GDI Impuls»Von Detlef GürtlerHaben Sie mal tausend Wörter? Selbst geschriebene müssten es allerdings schon sein, und auf Englisch – denn dann kann Watson Sie interpretieren. Nicht «sie», die Wörter, sondern «Sie», die Person. Aus einer beliebigen Menge Text (nur zu klein darf sie eben nicht sein) zieht Watson, das Computerprogramm von IBM durch semantische Analyse Schlüsse auf die Person, die diesen Text verfasst hat. Die Auswertung gibt es als komplexe Grafik und als knappe Summary – wir haben auf dieser Seite beide Auswertungen für einen Text des Digitalphilosophen und GDI-Impuls-Autors Venkatesh Rao abgebildet. Er sei klug, fantasievoll, unstrukturiert, philosophisch und auf neue Ideen versessen, analysiert Watson; und alles das können wir aus unserer persönlichen Kenntnis Raos unterschreiben.«Jeopardy!» und KrebsforschungDie Psycho-Masche ist der neueste Vorstoss der IBM-Forscher in Regionen, die bislang den Menschen vorbehalten waren. Auf zwei ganz anderen Fachgebieten hat Watson in den vergangenen Jahren bereits seine Fähigkeiten unter Beweis stellen können: bei Allgemeinbildung und Medizin.Berühmt wurde das Computerprogramm am 16. Februar 2011 mit dem Gewinn beim TV-Quiz «Jeopardy!». Zwei menschliche Kandidaten, die zuvor schon mehrfach dort Champion geworden waren, waren Watsons Gegner; in der Endabrechnung lag die Software bei einem Preisgeld von 77147 US-Dollar – ihre beiden menschlichen Gegenspieler hatten nur 21600 beziehungsweise 24000 Dollar eingespielt.Zugegeben: Watson hatte vor seinem grossen Auftritt fünf Jahre lang trainiert. Bei ersten Versuchen im Jahr 2006 war es ihm nur gelungen, fünfzehn Prozent der Aufgaben richtig zu lösen. Aber Maschinen sind ja inzwischen lernfähig – mehrere Hundert Gigabyte Datenbank und mehrere Hundert Algorithmen später schaffte es das Programm, in jenen sechs bis acht Sekunden, in denen den Menschen die jeweilige Aufgabe verlesen wird, zu entscheiden, ob es mit hinreichender Wahrscheinlichkeit die korrekte Lösung kennt; und diese auch oft genug zu kennen.Einfühlsamer Gates, gefühlvoller JobsSeit 2013 ist Watson am Memorial Sloan Kettering Cancer Center beschäftigt, einer Krebsklinik in New York. Dort ist das Programm an Entscheidungen beteiligt, welche Mittel bei individuellen Fällen eingesetzt werden sollen. In keinem Fall entscheidet die Software allein über die Therapien von Krebspatienten, aber sie gibt Empfehlungen ab, die in der überwiegenden Zahl der Fälle übernommen werden.Der ursprüngliche Zweck der Watson-Entwicklung war der Bau einer semantischen Suchmaschine, die in natürlicher Sprache gestellte Fragen erkennen und verarbeiten kann. Dementsprechend lag es nahe, sich auch an der Analyse von Schreibern beziehungsweise Sprechern zu versuchen.Die hier aufgeführten Analysen von Bill Gates und Steve Jobs beziehen sich jeweils auf eine «commencement speech» zum Beginn eines Studienjahres. Die Gates-Rede war 2007 in Harvard gehalten worden, die Jobs-Rede 2005 in Stanford. Andere Texte dieser Personen würden vermutlich abweichende Analysen Watsons hervorbringen; aber wie beim «Jeopardy!»-Projekt wird auch hier die Maschine mit jeder weiteren Analyse dazulernen können.Watson über...
  • Bill Gates: Sie sind unkonventionell und einfühlsam. Künstlerische und kreative Tätigkeiten sind Ihnen nicht so wichtig wie den meisten anderen. Sie können Ihre Sehnsüchte gut kontrollieren – die auch nicht sehr ausgeprägt sind. Das Streben nach Prestige treibt Sie
  • Steve Jobs: Sie sind gefühlvoll und zurückhaltend. Sie sind bescheiden: Es ist Ihnen unangenehm, im Mittelpunkt zu stehen. Sie bevorzugen Aktivitäten, die ruhig und sicher sind. Das Streben, etwas Neues zu entdecken, treibt Sie an. Sie suchen nach Gelegenheiten, sich selbst zu verbessern