Venkatesh Rao: Plädoyer für einen Blue-Collar-Kosmopolitismus

Die Globalisierung sei nicht mehr rückgängig zu machen, schreibt Venkatesh Rao in seinem Beitrag für unseren «Outlook 2017». Ihr schlechtes Image aber habe sie vor allem durch die Davos-Kultur erhalten. Um die Wut der Bürger einzudämmen, müsse mehr auf die kosmopolitische Mittelschicht und Arbeiterklasse gehört werden.

Viele Menschen scheinen zu glauben, dass einzelne Aspekte der Globalisierung rückgängig gemacht werden können – zum Beispiel durch Protektionismus. Aber wenn eine Ökonomie erst einmal globalisiert ist, lässt sie sich kaum noch entglobalisieren.?

Natürlich können sich einige grosse Länder für ein nationalistisches ökonomisches Modell entscheiden, in dem sie hochgradig autonom sind und eine eigene industrielle Basis entwickeln, die alles von Waffen über Atombomben bis zu Weltraumprogrammen produzieren kann – Länder wie die USA, China, Russland, die EU (als Einheit), Indien und Brasilien. Aber selbst dadurch können sie nicht die ganze Geschichte ungeschehen machen. Oder wie soll man die Beziehungen zwischen China und den USA so kappen, dass sie nicht mehr voneinander abhängig sind? Diese Unumkehrbarkeit zeigt sich auch in den langen Linien der Entwicklung der globalen Finanzmärkte. Die Weltwirtschaft ist von einem Zustand, in dem jeder Staat das Geld druckt, das ihm passt, zu einem System übergegangen, in dem Staatsanleihen eine zentrale Rolle spielen – auch das gehört zum irreversiblen Teil der Globalisierung.??

Aber der aktuelle Widerstand gegen die Globalisierung hat ein legitimes Element: Der Kosmopolitismus wurde weitgehend mit der Davos-Kultur identifiziert – also einer Kultur, in der die oberen ein Prozent zusammenkommen, um so zu tun, als würden sie die Welt regieren, ohne es wirklich zu tun. Auch wenn man nicht so genau weiss, was der gute oder richtige Weg ist, den Kosmopolitismus zu definieren – Davos ist auf jeden Fall der falsche Weg.??

Der Diskurs um den Kosmopolitismus und sein Narrativ müssen demokratisiert werden und auf den Ebenen der Mittelschicht und der Arbeiterklasse ankommen. Wir brauchen einen Blue-Collar-Kosmopolitismus. Wir brauchen einen Mittelschicht-Kosmopolitismus. Die Wut der Trump-Anhänger zum Beispiel richtet sich auf die falschen Leute. Die Menschen, die am meisten auf ihre Kosten gewonnen haben, sind die aufsteigenden Mittelschichten in Asien. Die ehrliche moralische Frage müsste also eigentlich sein: Hat ein Asiate mit College-Ausbildung, der grosse Mühe darauf verwendet hat, für eine bestimmte Art von Arbeit qualifiziert zu sein, auf genau diese Arbeit mehr Anrecht als jemand, der in den USA die High School nicht geschafft hat und einen bestimmten Lebensstandard erwartet? Die kleine Arbeiterklasse im Westen hat sich an 30, 40 Jahre Privilegien gewöhnt; wenn jetzt die Niveaus beginnen sich anzugleichen, fühlt es sich für sie wie Unterdrückung an. Genau das passiert gerade. Ja, wir können Mitgefühl für diese Schmerzen haben, aber das bedeutet nicht, dass die Beschwerden berechtigt sind. Wir müssen der Versuchung widerstehen, dieses Narrativ als moralisch anzuerkennen.??

Anders als etwa im Jahr 1910, gibt es jetzt eine bedeutende kosmopolitische Klasse, die nicht nur aus dem einen Prozent und ein paar Top-Diplomaten besteht – überall in der Welt gibt es einen relevanten Prozentsatz an Migranten. Er ist noch klein: Weniger als drei Prozent der heute geborenen Menschen werden in ihrem Leben ein anderes Land besuchen. Aber er ist gross genug – die Entwicklung der Flugreisen hatte einen demokratisierenden Effekt. Eine früher undenkbar grosse Zahl von Menschen fliegt herum und arbeitet im Ausland. Diese Leute, glaube ich, bilden eine neue schweigende Mehrheit, um einen Begriff aus Richard Nixons Innenpolitik zu entlehnen. Es gibt eine neue schweigende Mehrheit in der Stadt – es ist die globale kosmopolitische Mittelschicht und Arbeiterklasse. Es gibt zu viele von ihnen, um das Rad der Geschichte wieder zurückzudrehen, die Welt ist zu sehr von ihnen abhängig, und was sie denken, zählt wirklich.

Venkatesh Rao erforscht technologische Langzeit-Trends und soziale Evolution. Er berät Unternehmen zu Organisationsentwicklung und verantwortet die Blogs «Ribbonfarm» und «Breaking Smart». Mehr von Venkatesh Rao über Kosmopolitismus.

«Outlook 2017»: Vieles am Start ins Jahr 2017 fühlt sich wie eine Zeitenwende an. Neue Konflikte, neue Akteure, neue Risiken. Und, natürlich, neue Chancen. Im Umfeld der Tagung zur Zukunft der Macht fragen wir Referenten und globale Experten, was da ihrer Meinung nach auf uns zukommt. Ihre Antworten ergeben unseren «Outlook 2017».

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