Unterwegs in die Handicap-Gesellschaft

01.04.2015

Die soziale Akzeptanz von Menschen mit Behinderung steigt – genauso wie die Herausforderungen für die Betroffenen. Das Magazin «GDI Impuls» nennt die wichtigste Punkte einer GDI-Studie, die den Alltag von Behinderten 2030 beschreibt.

Dieser Artikel bezieht sich auf die kostenlose GDI-Studie «Menschen mit Behinderung in der Welt 2035».

Von Daniela Tenger und Mirjam Hauser, GDI Research

Ein Blick aus der Vogelperspektive auf die Situation von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft zeigt durchaus positive Entwicklungen bis heute und zudem vielversprechende Aussichten für die nächsten Jahre: Behindertsein wird normaler. Auf der politischen Ebene wurde mit dem Behindertengleichstellungsgesetz und der Uno-Behindertenrechtskonvention ein Paradigmenwechsel eingeläutet – weg von der Fürsorge hin zur Erkenntnis, dass behinderte Menschen selbstbewusste Träger von individuell einklagbaren Rechten sind.

Auch in der Gesellschaft zeigt dies Wirkung: Es gilt inzwischen als unbestrittene Grundhaltung, dass Menschen mit Behinderung die gleichen Rechte und Teilnahmechancen haben; die Zielsetzung einer «inklusiven Gesellschaft» ist allgemein akzeptiert. Gleichzeitig ist es dank dem Megatrend der Individualisierung normaler geworden, «anders» zu sein.

Neue Technologien und medizinische Fortschritte versprechen ebenfalls Erfreuliches. Fortschritte in der Diagnostik und immer ausgefeiltere technische Hilfsmittel gleichen Defizite aus und unterstützen die Inklusion von Menschen mit Behinderung. Der Weg hin zu einer künftigen Gesellschaft, in der die Vielfalt ganz alltäglich gelebt wird, scheint geebnet.

Doch die Welt bleibt nicht stehen: Gesellschaftliche, politische, technologische und wirtschaftliche Entwicklungen bringen neue Herausforderungen für Menschen mit Behinderung mit sich, die der eingeleiteten Inklusion Steine in den Weg legen.

POLARISIERUNG IM ARBEITSMARKT

Am stärksten manifestieren sich diese neuen Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt: Enorme Fortschritte in der Informations- und Kommunikationstechnologie, steigender Wettbewerbsdruck und Globalisierung führen zu einem hohen Leistungsdruck bei gleichzeitiger Flexibilisierung von Arbeit und Freizeit. An die Stelle der klassischen, räumlich und zeitlich abgegrenzten Regel-Erwerbsbiografie tritt eine Vielzahl von Teilzeit- und Auszeit-Modellen, die jeweils versuchen, die Erwerbsarbeit mit den Erfordernissen des Lebens in Einklang zu bringen.

Von einer solchen «Projektisierung» der Arbeit profitieren insbesondere geistig flexible Menschen mit grosser Eigenmotivation und Leistungsbereitschaft, denn sie können sich ihre Arbeitgeber von Projekt zu Projekt neu aussuchen und ihre individuellen Konditionen (Lohn, Kinderbetreuungsunterstützung etc.) verhandeln. Wenn immer mehr in Projekten, auf bestimmte Zeit und nicht in festen Strukturen gearbeitet wird, dann werden jeweils die besten Leute nach den Kriterien des jeweiligen Projekts herangezogen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass langsamere oder leistungsschwächere Menschen es schwerer haben werden, sich auf einem solchen Arbeitsmarkt zu behaupten.

Unternehmen werden ganz unterschiedlich auf das höhere Tempo, Flexibilisierung und Automatisierung reagieren. Im Topsegment wird sich eine Höchstleistungsgesellschaft durchsetzen: hochagile, durchtechnisierte, global agierende und schnell wachsende Unternehmen werden die flinksten Talente anziehen und alles daransetzen, diese auch halten zu können. Vorreiter sind heute Unternehmen wie Google oder Novartis – sie machen den mittelständischen Unternehmen die Talente streitig und setzen die KMU so unter Druck.

Auf der anderen Seite wird es nach wie vor familiengeführte oder genossenschaftlich organisierte KMU geben, die ganz bewusst auf Langsamkeit und lokale Wertschöpfung setzen. In einer solchen Beschäftigungswelt gibt es auch Platz für kognitiv weniger bewegliche Menschen, die feste Strukturen bevorzugen. Die Folgen dieser Entwicklungen für Menschen mit Behinderung hängen von den individuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten ab. Sicher ist: Das Mithalten in der Elite gelingt nur noch wenigen, der Arbeitsmarkt wird härter. Gleichzeitig entstehen neue Beschäftigungsmöglichkeiten im geschützten Rahmen.

SELBSTBESTIMMTE PFLEGE

Auf dem Arbeitsmarkt erhöhen Automatisierung, Digitalisierung und flexiblere Lebensstile also generell die Inklusionshürden. Gleichzeitig eröffnen diese Trends aber auch neue Chancen im Wohn- und Pflegebereich. Das wachsende Bedürfnis nach einer selbstbestimmteren Gestaltung des Alltags verändert auch die Bedürfnisse in Bezug auf Pflege und Wohnen und fördert die Entwicklung von vielfältigen neuen Zwischenstufen zwischen Heim und Daheim. Neue Wohnmodelle wie Mehrgenerationenhäuser, gemeinschaftliche Wohnungen oder betreute WGs ermöglichen partielle Unterstützung für all jene, die keine vollumfängliche Betreuung benötigen. Diese flexibleren Wohnformen erfordern Pflegeleistungen je nach Bedarf – und zwar möglichst bequem, schnell und einfach.

Um diesen neuen Pflegebedürfnissen zu begegnen, wird die Entwicklung von Pflege- und Rehabilitationstechnologien stark vorangetrieben. Schon heute übernimmt die Robotik in der Rehabilitationstherapie eine Assistenzfunktion und unterstützt beim selbstständigen (Wieder-)Erlernen beeinträchtigter Funktionen. Am Körper getragene Exoskelette unterstützen beispielsweise die Bein-, Arm- oder Rückenmuskulatur und helfen so gelähmten Personen beim Gehen. In der Pflege geniessen momentan Therapieroboter grosse Aufmerksamkeit: Berühmt geworden ist die japanische Robbe Paro, die mit Patienten kommuniziert und die Interaktion zwischen Heimbewohnern anregt.

INTELLIGENTE MEDIKAMENTE

Vielversprechend sind auch intelligente Systeme, die Menschen mit Behinderung im Alltag mehr Selbstbestimmtheit ermöglichen. Das Internet eröffnet beispielsweise mobilitätsbeeinträchtigten Personen völlig neue Möglichkeiten zur Teilnahme an der Gesellschaft. Dienstleistungen wie Siri erleichtern Telefonanrufe oder das Tippen von Textnachrichten. Smarte Technologien und die Vernetzung aller Geräte (Internet der Dinge) sorgen für mehr Selbstbestimmung und mehr Sicherheit: Intelligente Medikamentenschachteln wissen, ob die Medizin rechtzeitig eingenommen wurde, smarte Armbänder überwachen permanent den Gesundheitszustand und melden Abweichungen den Angehörigen.

Und getüftelt wird nicht nur an der Vernetzung von Gegenständen und Geräten, sondern von ganzen Häusern. Am iHome-Lab der Hochschule Luzern wurde beispielsweise der virtuelle Butler «James» entwickelt: Er öffnet Türen, kocht Kaffee und weiss immer genau, was im Haus vor sich geht. Die Technologie ist so weit entwickelt, dass hierfür nicht mehr hochkomplexe Systeme zu bedienen sind; die Unterstützung erfolgt unaufdringlich, im Haus ist kaum etwas davon sichtbar. Bis diese Technologien massentauglich sind und auf breiter Ebene individualisierte Wohn- und Pflegeformen ermöglichen, dauert es aber noch seine Zeit.

BARRIEREN VERSCHWINDEN

Zur Zielsetzung der inklusiven Gesellschaft gehört auch die Freiheit, im öffentlichen Raum autonom unterwegs zu sein – und diesem Ziel sind wir vergleichsweise nahe. Ob im öffentlichen Verkehr, auf Anlagen oder in Gebäuden: Die unmittelbare Umwelt ist vermehrt für alle offen und zugänglich, Barrieren verschwinden. Seit der gesetzlichen Verankerung der Gleichstellung von Menschen mit und ohne Behinderung wird die Barrierefreiheit bei Neuanschaffungen und Neubauten berücksichtigt. Hiervon profitieren nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch Familien mit Kinderwagen und ältere, weniger mobile Menschen. Die Umsetzung erfordert allerdings Geduld: Der Realisierung von Verkehrsmitteln, öffentlichen Bauten und Wohngebäuden geht eine jahrelange Planungsphase voraus. Danach bleiben sie viele Jahrzehnte im Gebrauch. Wohnbauten beispielsweise werden im Schnitt etwa alle dreissig Jahre renoviert und aktuellen Bedürfnissen angepasst. Die Trägheit, mit der Infrastrukturen ersetzt werden, wird deshalb 2035 noch zu partiellen Lücken im barrierefreien öffentlichen Raum führen.

Auch hier versprechen aber technologische Entwicklungen schnellere Besserung. In Zukunft wird alles, was Reisende tun, in Daten erfasst sein – jede Bewegung, jede Interaktion. Diese Daten werden genutzt, um das Reisen einfacher, intuitiver und vorhersehbarer zu gestalten. Dank der fortschreitenden Vernetzung und Vereinigung von virtueller und realer Welt werden unsere Bewegungsmuster nicht nur in Echtzeit abgelesen, sondern in Zukunft auch antizipiert werden können. Auf Basis der personen- und ortsspezifischen Daten kann das Mobilitätsverhalten individualisiert werden: Das Verkehrssystem passt sich dann flexibel an die jeweiligen Bedürfnisse seiner Nutzer an (und nicht umgekehrt, wie das heute noch der Fall ist).

Analoges gilt für die öffentlichen Räume: Das Smartphone informiert den Rollstuhlfahrer, die Mutter mit Kinderwagen oder die Seniorin mit dem Gehstock, wie und wo sie am besten Zugang zum Gebäude haben. So ermöglichen der technologische Fortschritt und die (wenn auch langsame) barrierefreie Erneuerung des öffentlichen Raums eine vermehrte Teilhabe am öffentlichen Leben.

LEISTUNGSDRUCK ALS STOLPERSTEIN

Die erhöhte Teilhabe am öffentlichen Leben, die Tendenz hin zu einer flexibleren und selbstbestimmteren Gestaltung von Wohn- und Pflegemodellen und das deutliche Bekenntnis von Politik und Gesellschaft für die Inklusion von Menschen mit Behinderung bestätigen, dass wir auf gutem Weg sind, uns dem Ziel der inklusiven Gesellschaft anzunähern. Trotzdem, gerade am Beispiel des Arbeitsmarkts zeigt sich: Der erhöhte Leistungsdruck sowie die höheren Anforderungen an die Flexibilität der Beschäftigten sind neue Stolpersteine auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft. Nach wie vor bestehen Hemmschwellen im Umgang mit Behinderten; für viele ist der Kontakt mit Betroffenen alles andere als «normal».

Und: Mit den zunehmenden Möglichkeiten der Gestaltung des Alltags wächst der Anspruch auf ein perfektes Leben. Wenn dank der ständigen neuen Entwicklungen in den Bereichen Technologie, Medizin, Rehabilitation und pränataler Diagnostik Schwächen und Beeinträchtigungen erkannt, behandelt und kompensiert werden können, scheint die Menschheit allmächtig zu werden. Oder kritischer gesagt: Die Kehrseite der Multioptionsgesellschaft zeigt sich im zunehmenden Machbarkeitswahn und Status-Stress.

Diese neuen Herausforderungen zeigen die Dringlichkeit für eine breit angelegte Debatte der Vielfalt auf, denn diese legt den Grundstein für das gemeinsame Verständnis und fördert Solidarität. Diese Sensibilisierung muss über alle Bereiche wie Schule, Ausbildung, Arbeit, Wohnen und Freizeit hinweg stattfinden.

INTERNE INTERESSENSKONFLIKTE

Und die Sensibilisierung muss über alle Grenzen stattfinden, denn leider gibt es auch zwischen geistig oder körperlich Behinderten, ja sogar zwischen Hör- und Sehbehinderten Interessenkonflikte und Konkurrenzsituationen. Das Recht auf Vielfalt und Andersartigkeit beginnt im Kleinen; wichtig ist die gemeinsame Erkenntnis, dass jeder auf seine Art irgendwie anders ist und dass es für alle einen Platz gibt. Um diesen Bewusstseinswandel konkret erlebbar zu machen, bedarf es nebst einer öffentlichen Diskussion auch eine im Alltag wirklich sicht- und erlebbare Diversität – und das beginnt in der Kinderkrippe!

Gegenseitiges Verständnis entsteht über den Austausch und Kontakt im Alltag und speziell hierfür geschaffenen Settings. Die Öffentlichkeit muss immer wieder mit der Vielfalt der Gesellschaft konfrontiert werden. Nur wenn man die Geschichten hinter der gesellschaftlichen Diversität versteht, kann Empathie entstehen und «Nichtperfektion» akzeptiert werden.