Unsere Identität wird zum 'We-Dentity'-Netzwerk

15.04.2015

Vater, Cellist, Angestellter: Ein Mensch hat viele soziale Identitäten. Eine Studie zeigt, dass sie unsere Entscheidungen stärker beeinflussen, als wir meinen. Mit Folgen für Politik, Führung und die Schule, wie Autorin Bettina Höchli im Interview erklärt.

Eine Studie, die das GDI zusammen mit der Excellence Foundation und der Universität Zürich erstellt hat, untersucht den Einfluss von sozialen Rollen von Menschen auf ihr Verhalten. Je nachdem, ob wir in einer Situation als Privatfrau, Ärztin oder Mutter agierten, handelten wir anders. Das klingt einleuchtend. Was ist neu daran?
Neu daran ist, dass wir den konkreten Einfluss unserer Identitäten auf unser Verhalten beobachten und messen. Als Bankangestellte verhalten sich manche Menschen unehrlicher denn als Privatperson. In Experimenten heben Verhaltensökonomen eine bestimmte soziale Identität wie die des Bankangestellten hervor und messen, welche Auswirkungen dies auf ein bestimmtes Verhalten wie Ehrlichkeit hat. Es zeigt sich: Wann und wo wir eine Entscheidung treffen, beeinflusst, wie die Entscheidung ausfällt.

Zum Beispiel?

Asiatisch-amerikanische Frauen rechnen besser, wenn sie an ihre asiatische Herkunft erinnert werden, als wenn man sie als Frauen anspricht. Ähnliche Resultate zeigen Experimente in Indien. Schuljungen mit hoher und niedriger Kastenzugehörigkeit zeigten gleich gute Leistung beim Lösen von Rätselaufgaben, wenn die Kasten-Identität nicht betont war. Sobald die Kastenzugehörigkeit offen gelegt wurde, schnitten die Jungen der höheren Kaste signifikant besser ab. Wie wir uns verhalten,  hängt also auch davon ab, was wir als angebrachtes oder unangebrachtes Verhalten interpretieren.

Wie viele solcher Rollen haben wir?
Im Durchschnitt zehn. In unseren Interviews mit Deutschen und Schweizerinnen tauchen die meisten Identitäten im Kontext von Beruf, Familie und Freundeskreis auf. Virtuelle Identitäten stehen an vierter Stelle. Nur vereinzelt tauchen Geschlecht, Nationalität, Politik oder regionale Identität als verhaltensrelevante Rollen auf. Wichtig ist auch die Erkenntnis, dass wir heute mehr Rollen und Beziehungen haben als früher, doch auch flüchtigere: War der Beruf eine lebenslange Verpflichtung, besteht er heute oft aus zahlreichen Kurzzeit-Jobs.

Das klingt komplex. Sprechen Sie darum von «We-Dentity»?
Genau. Unser Handeln ist nicht nur selbstbestimmt. Es hängt auch von sozialen Erwartungen ab. In jeder Alltagssituation haben wir eine Vorstellung davon, wer wir sind: Sportlerin, Lehrerin, beste Freundin. Diese Identitäten sind mit sozialen Normen verbunden, die unser Verhalten stärker beeinflussen, als wir meinen.

Welche Rolle spielt das Internet dabei?
Die We-Dentity zeigt sich online besonders gut: Im Netz existieren wir nur in Verbindung mit anderen. Da wir uns immer stärker online bewegen, wird dies auch immer mehr sichtbar. Unsere Eigenwahrnehmung als Teil eines Netzwerkes – oder richtiger: vieler Netzwerke – verändert sich. Unsere Identität wird zum «We-Dentity»-Netzwerk.

Welche Konsequenzen haben diese Erkenntnisse für unsere Gesellschaft?
Sie relativieren die Individualisierung: Die attraktive Position im Netzwerk ist die vernetzte Position, Alleingang führt nicht zum Erfolg. Und sie liefern konkrete neue Ansätze zur Lösung gesellschaftlicher Probleme: Die Frage, warum der Frauenanteil in Unternehmen stagniert, warum Marketingstrategien funktionieren (oder nicht), oder warum es in der Schule grosse Leistungsunterschiede gibt, solche Fragen können neu beantwortet werden.

Dann tun wir das doch. Was kann die Bildungswelt denn von der Verhaltensökonomie lernen?
Wenn sich Schülerinnen und Schüler nicht mit der Schule identifizieren und die Lehrperson nicht akzeptieren, kann kein Lernprozess stattfinden. Für eine Schule ist es aus diesem Grund zentral,  eine Schulidentität hervorzubringen, die Schüler und Lehrer motiviert, auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten. Es ist wichtiger, Lehrpersonen darin auszubilden, ihre Schüler dazu zu inspirieren, sich mit ihrer Schule zu identifizieren – statt ihnen beizubringen, wie sie bei standardisierten Prüfungen gut abschneiden.

Vernetzung statt Alleingang, «We» statt «Me»: Das klingt nach Konsequenzen auch für Wirtschaft und Politik.

Auf jeden Fall. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zur Zusammenarbeit zu motivieren, ist eine der grössten Herausforderungen. Die wichtigste Bestimmungsgrösse, ob eine Organisation gut funktioniert, ist nicht das finanzielle Anreizsystem, wie herkömmliche ökonomische Modelle dies nahe legen würden, sondern, ob sich die Arbeitnehmer mit der Organisation und ihrer Arbeit identifizieren. Wenn sie es nicht tun, werden sie das Anreizsystem austricksen, statt die Unternehmensziele zu erfüllen. Aber auch in Bezug auf soziale Pluralisierung und Polarisierung ist zentral, wen wir als ähnlich und wen als Aussenseiter betrachten. Soziale Identitäten bestimmen die Einstellung von Menschen zu Immigration und Multikulturalismus. In Zeiten zunehmender Polarisierung wird dieses Wissen immer wichtiger.

Bettina Höchli präsentiert die Studie am 2. Juni 2015 am GDI. Im anschliessenden Podium diskutieren Professor Ernst Fehr und Peter Kurer (ehemals UBS-VR-Präsident), ob und wie sich die Verhaltensökonomie mit der unternehmerischen Praxis verbinden lässt. Melden Sie sich jetzt zur Studienpräsentation an!