Tyler Cowen: Wir werden selbstgefällig

Einer der herausragendsten Ökonomen der USA, Tyler Cowen, warnt vor zu viel Bequemlichkeit: «Der Gedanke an unzureichende Innovationen und die Unfähigkeit, sich eine ganz andere Zukunft vorzustellen, plagen einen grossen Teil Westeuropas.» Für Osteuropa sieht Cowen gar eine noch düsterere Zukunft. Mehr an der Konferenz: «Tyler Cowen & Parag Khanna at GDI» vom 29. Mai 2017.

Tyler Cowen

In Ihrem neuesten Buch «The Complacent Class» beschreiben Sie ein lethargisches Amerika. Wie konnte es soweit kommen?Das Amerikanische Produktivitätswachstum war seit 1973 die meiste Zeit unterdurchschnittlich. Dieses Problem lässt sich nicht so einfach lösen. Varianten davon plagen Westeuropa und Japan ebenfalls. Dazu kommt, dass mit wachsender Bequemlichkeit, auch wenn sie angenehm ist, Dynamik verloren geht. Amerikaner sind sesshafter, erlauben es ihren Kindern nicht, grosse Risiken einzugehen, arbeiten für viele Jahre in Firmen, die schon lange am Markt sind. Immer mehr unseres Staatsbudgets hängt fest, um Bestände für Sozialleistungen zu sichern. All diese Faktoren tragen dazu bei, dass Amerika selbstgefällig wird.

Sieht es in Europa besser aus?
Europa ist gross, und ich denke, dass die Schweiz eines der weniger bequemlichen Teile Europas ist. Aber trotzdem plagen der Gedanke an Überinvestitionen in die Freizeit, unzureichende Innovationen und die Unfähigkeit, sich eine ganz andere Zukunft vorzustellen einen grossen Teil Westeuropas. Über Osteuropa mache ich mir insofern Gedanken, dass ich denke, es könnte selbstgefällig werden, noch bevor es wirklich wohlhabend wird. Osteuropa befindet sich in einer weitaus schlimmeren Lage als der Westen.

Wir leben in einer Zeit, in der Computer für uns einkaufen, Roboter für uns arbeiten und Chatbots für uns kommunizieren. Ist Bequemlichkeit nicht eine logische Konsequenz dieses Lebensstils?
Absolut. Ich würde sagen, dass viele Menschen durch die Informationstechnologie schneller in ihrer Freizeit produktiver geworden sind als am Arbeitsplatz. Das ist nicht immer eine gesunde Balance. Heute ist es einfacher als je zuvor, zu Hause zu bleiben und alles geliefert zu bekommen.

Ist der «grosse Neustart», den Sie in ihrem Buch beschreiben, schon in vollem Gange? Und was hat er für Folgen?
Ein «grosser Neustart» kommt, wenn ein System unter zu grosser Belastung zusammenbricht. Auslöser könnte eine Schuldenkrise sein, die Unfähigkeit, auf ein Umwelt- oder ein aussenpolitisches Problem zu reagieren, oder der Qualitätverlust einer Regierung. Wir sehen ein paar Anzeichen des letzteren in den Vereinigten Staaten, wohingegen Teile der Europäischen Union unlösbare Schuldenkrisen zu haben scheinen, vor allem Griechenland und Italien, Portugal vielleicht auch. An einem bestimmten Punkt kollabieren die Versuche, das Risiko abzuwenden und das Risiko wird dann unkontrollierbar.

Wie können Vertrauen und Bürgerbeteiligung in Demokratien, Politik und Wirtschaft wieder hergestellt werden?
Nun, ich würde nicht sagen, dass sie abhanden gekommen sind, nicht in den USA und vor allem nicht in der Schweiz. Ich denke nicht, dass es in den USA bald eine wirkungsvolle Regierung geben wird. Keine der politischen Parteien ist aktuell stimmig. Die Wähler wollen das Unmögliche. Extremisten herrschen in den Sozialen Medien. Die Staatsführung war in den 1980er und 90er Jahren viel besser. Vielleicht führt das zu einer Krise, bevor das Ruder rumgeworfen werden kann.

War Trumps Erfolg nicht vielmehr ein Zeichen des Protests und des Aktivismus, als ein Zeichen von Selbstgefälligkeit?
Trump ist der ultimative Kandidat für Stillstand. Seine Wahlkampfkampagne schaute nur auf die Vergangenheit: «Make America Great Again». Wenn er über Infrastruktur spricht, redet er zuerst davon, Brücken und Tunnel zu reparieren. Das ist ok, aber es ist kaum eine inspirierende Vision für die Zukunft. Er hat versprochen, keine Gelder zu kürzen. Er redet viel über Veränderung, aber bis jetzt haben wir davon noch nichts wirklich gesehen, abseits seiner Rhetorik und auf Twitter.