Tyler Cowen: «Verlasst eure Komfortzone

Tyler Cowen zählt zu den einflussreichsten Ökonomen in den USA. In der «NZZ am Sonntag» warnt er, dass die Digitalisierung die Gesellschaft selbstgefällig mache – und bewundert die Schweiz. Am 29. Mai ist Cowen zu Gast am GDI.

Tyler Cowen
Dies ist ein Auszug aus Cowens Interview mit «NZZ am Sonntag». Das komplette Interview lesen Sie hier.

NZZ am Sonntag: In den westlichen Ländern keimt die Hoffnung auf ein stärkeres Wachstum. Sie vertreten jedoch die Meinung, dass die Boomzeiten definitiv vorbei sind. Wieso?

Tyler Cowen: Unser Denken ist geprägt von den früheren Dekaden, als unser Einkommen automatisch immer weiter gestiegen ist. Leider ist es eine Illusion, zu meinen, dass solche Wachstumsraten die Normalität darstellen. In Wirklichkeit stagnieren Produktivität und Löhne. Wir leben heute über unsere Verhältnisse.

Weshalb kann die breite Masse nicht stärker vom technischen Fortschritt profitieren?
Firmen wie Apple oder Microsoft haben einen «positiven Handelsschock» erlebt. Plötzlich verkaufen sie ihre Güter in die ganze Welt. Die neue Technologie führt zudem zu einem «The winner takes it all»-Effekt: Es gibt nur ein Facebook und ein Google. Dadurch vertieft sich der Graben zwischen der wenig dynamischen Binnenwirtschaft und den globalen Konzernen.

Das Internet und viele Apps sind gratis. Da ist es doch paradox, dass diese Erfindungen keinen grösseren Nutzen stiften.
Die positive Wirkung betrifft vor allem unsere Freizeit. Wer sich in den sozialen Netzwerken mit Freunden austauscht, hat eine grössere Befriedigung als beim TV-Konsum. Hingegen hat die Produktivität der Arbeit nicht so stark zugenommen, dass es zu einem wirklichen Wachstumsschub gereicht hätte.

Sie führen die Stagnation auch darauf zurück, dass die Menschen weniger innovationsfreudig sind als früher. Angesichts der raschen technologischen Entwicklung überrascht dieser Befund.
Das lässt sich anhand von zahlreichen Kriterien dokumentieren – die Wirtschaft besteht eben nicht nur aus Facebook oder Twitter. Der Anteil der neu gegründeten Firmen ist seit den achtziger Jahren um über ein Drittel gesunken. Ebenso stark ist der Rückgang bei der Umzugshäufigkeit. Anstelle von Innovationsgeist macht sich Selbstgefälligkeit breit.

Nach Ihrer Ansicht bremsen auch die sozialen Netzwerke die gesellschaftliche Dynamik, weil diese zu einer Kultur der Übereinstimmung («culture of matching») führen. Wie meinen Sie das?
Mit wem wir Kontakt haben und was uns gefällt, wird immer stärker von Algorithmen bestimmt. Inzwischen gibt es bereits Plattformen für die Partnersuche unter Lehrern, Anwälten oder Bauern. Auf diese Weise halten die sozialen Netzwerke das Fremde von uns fern. Sie versorgen uns stets mit dem, was uns vertraut ist. Die Folge ist eine Zersplitterung der Gesellschaft, auch die Unterschiede beim Einkommen haben zugenommen.

Was ist falsch daran, wenn die Leute nach Sicherheit streben und sich das Leben bequem einrichten?
In einem Land wie der Schweiz oder Dänemark mit einer guten Regierung und einer hohen Sparquote kann das vielleicht funktionieren. Doch der Erfolg der USA basiert auf ihrer Innovationskraft, welche sukzessive verloren geht. Zudem finanzieren wir unseren Lebensstandard, indem wir Schulden aufnehmen. Wenn man keinen Fortschritt erzielt, ist es problematisch, das Bezahlen der Rechnung auf später zu verschieben.

Lesen Sie hier das komplette Interview.

Am 29. Mai 2017 spicht Tyler Cowen am GDI über die Zukunft der Demokratie.