Trendtag-Referent David J. Linden: «Der Mensch hat mindestens zehn Sinne»

24.01.2019
Interview

Wann werden Virtual-Reality-Spiele direkt an unsere Nerven gekoppelt sein, und warum fühlt sich Schmerz schlecht an? Der Neurowissenschafter David J. Linden weiss es. Am 13. März spricht der US-Amerikaner am GDI-Trendtag.

David J Linden

GDI: Was passiert in meinem Gehirn, wenn mich jemand berührt?

David J. Linden: Berührungsinformationen kommen im Gehirn an und sind in zwei verschiedene Verarbeitungskreise unterteilt.  Beim einen, an dem eine Region namens somatosensorischer Kortex beteiligt ist, geht es um die Fakten – wo auf meinem Körper werde ich berührt und wie: Geschwindigkeit, Druck, Textur usw. Beim anderen Verarbeitungskreis, an dem eine Hirnregion namens Insula beteiligt ist, geht es um die emotionalen Aspekte der Berührung. Dieser Vorgang ist dafür verantwortlich, dass sich Schmerz schlecht anfühlt und eine Liebkosung (normalerweise) gut. Da der emotionale Verarbeitungskreis mit vielen anderen Gehirnregionen interagiert, kann der emotionale Aspekt der Berührung durch Erwartung, Kontext und Stimmung stark beeinflusst werden.

Wir hören heutzutage viel über virtuelle Realitäten. Kann man Gefühle technologisch im Gehirn erzeugen? Welche Innovationen sind zu erwarten?

Kurzfristig werden wir bessere Möglichkeiten haben, unseren Sinnesorganen Impulse zu geben, um bestimmte Erfahrungen nachzuahmen. Zum Beispiel sehen wir wichtige Fortschritte bei haptischen Displays, die es uns ermöglichen werden, die Textur eines Seidenschals zu fühlen, den wir vielleicht online kaufen möchten. Die nächste Stufe werden Technologien sein, die die Sinnesorgane vollständig umgehen. Sie stimulieren Nerven, die sensorische Informationen an das Gehirn weitergeben, direkt. Oder sie sind gleich ganz am Gehirn angeschlossen. Diese Anwendungen stehen erst am Anfang und sind derzeit meist auf die Medizin beschränkt. Es wird noch eine Weile dauern, bis ein immersives Virtual-Reality-Spiel direkt in Ihr Nervensystem eingespeist wird.

Gibt es neurologische Indizien für eine Art 6. Sinn?

Ja, aber es ist nicht das, was Sie sich vorstellen – ihm haftet nichts Unheimliches an. Je nachdem, wie Sie zählen wollen, hat das menschliche Nervensystem bereits mindestens zehn Sinne. Wir neigen dazu zu denken, dass die Sinne alle nach aussen gerichtet sind, und uns Informationen über die Welt geben. Aber einige der wichtigsten Sinne sind nach innen gerichtet. Diese Sinne der Selbstwahrnehmung ermöglichen es, dass wir wissen, wo sich unsere Gliedmassen im Raum befinden (Tiefenwahrnehmung), wo sich unser Kopf in Bezug auf die Schwerkraft befindet (Gleichgewichtsgefühl) und ob wir aufs WC müssen (Stretch-Rezeptoren in der Blase). Manche Tiere haben nach aussen gerichtete Sinne, die uns Menschen fehlen, wie das Sonar bei Fledermäusen und Walen.

Woran arbeiten Sie derzeit?       

Ich habe zwei Jobs. Tagsüber leite ich ein Hirnforschungslabor an der Johns Hopkins Medical School, wo wir die molekularen Grundlagen des Gedächtnisses und der funktionellen Erholung nach Hirnverletzungen untersuchen (sowie einige verrückte Themen wie die Messung von Hirnveränderungen bei Tieren, die Winterschlaf halten oder in Winterstarre verfallen). Nachts schreibe ich Bücher über Biologie für ein breites Publikum. In dem Buch, an dem ich gerade arbeite, geht es um die biologische Grundlage der menschlichen Individualität.

David J. Linden wird am 15. Europäischen Trendtag vom 13. März 2019 am GDI sprechen. Seien Sie dabei.