«Too Good To Go» gegen Foodwaste

23.05.2019
Interview

9 Millionen App-Nutzer, 18 000 teilnehmende Geschäfte in Europa, 11 Länder: die «Too Good To Go»-Erfolgsgeschichte sucht ihresgleichen. CEO Mette Lykke brachte in den letzten drei Jahren ein erfolgreiches Geschäftsmodell gegen Lebensmittelverschwendung auf den Markt. Ihr Erfolgsgeheimnis verrät sie an der GDI-Handelstagung vom 5. – 6. September 2019 und hier vorab im Interview.

Mette Lykke

«Too Good to Go» wächst schnell. Waren Sie überrascht von dem grossen Erfolg?

Als «Too Good To Go» 2016 als Traum einer Gruppe von Unternehmern geboren wurde, die sich gegen Lebensmittelabfälle wehren wollten, ahnte niemand, dass dieses Projekt nur drei Jahre später zu der globalen Bewegung werden würde, die sie heute ist. Heute sind wir in 11 Ländern präsent, und zusammen mit mehr als 9 Millionen «Abfallkriegern» und über 18 000 Unternehmen in Europa haben wir mehr als 12 Millionen Mahlzeiten vor der Verschwendung bewahrt. Dadurch wurden mehr als 24 Millionen Kilogramm Kohlendioxidemissionen in die Erdatmosphäre eingespart. Diese Zahl wächst von Tag zu Tag. Wir sind natürlich überrascht über die erstaunliche Resonanz der Menschen in jedem Land, in dem wir die App gelauncht haben, aber vor allem sind wir stolz darauf, die Spielregeln zu ändern und gleichzeitig die Umwelt zu schonen, indem wir die Menge der täglich in Europa weggeworfenen Lebensmittel reduzieren. All dies verdanken wir unserer «Waste Warriors»-Community und den grossartigen Partnern, die wir haben, sowie dem Einsatz, der Begeisterung und dem Engagement von mehr als 270 Mitarbeitern, die «Too Good To Go» zu einer ständig wachsenden Bewegung machen.

Wie wichtig ist die Tatsache, dass Sie Ihr Unternehmen in Dänemark gegründet haben?

Dänemark ist ein fortschrittliches, aufgeschlossenes und nachhaltiges Land, das uns sehr dabei geholfen hat, unser Konzept zu entwickeln und unsere allerersten Early Adopters – Nutzer und Partner – zu finden. Ein Vorteil der Gründung in einem kleinen Land ist, dass der Heimatmarkt so klein ist, dass sie vom ersten Tag an international denken müssen. Da Lebensmittelabfälle jedoch ein globales Problem sind, war es immer die Mission von Too Good To Go, sie weltweit zu bekämpfen.

Die Reduzierung von Lebensmittelabfällen im Einzelhandel und in der Gastronomie ist ein entscheidender erster Schritt. Doch die Hauptverantwortlichen scheinen die Kunden zu sein. Wie können sie stärker aktiviert werden, sodass sie kein Essen mehr zuhause wegwerfen?

Wir wissen, dass in den Haushalten die grösste Menge an Lebensmittelabfällen anfällt – die Hälfte der Abfälle fällt in unseren Haushalten an. Um Abfälle dort zu reduzieren, ist es notwendig, dass sich die Verbraucher der Umweltauswirkungen bewusst werden und nicht nur der Geldverschwendung. Um die Einstellung der Menschen zu ändern, braucht es Informationen. Und deshalb wollen wir die Verbraucher inspirieren und aufklären. Jedes Mal, wenn sie über unsere App eine Mahlzeit sparen, erhalten Sie eine Meldung, dass jede «Magic Box» den CO2-Ausstoss einer 7,9km langen Autofahrt einspart. Wir geben auch Tipps und Rezepte, um zu verhindern, dass Lebensmittel verschwendet werden. Schliesslich investieren wir in Bildung und vermitteln Kindern den Wert von Lebensmitteln und  helfen ihnen, den Respekt vor dem Essen als Ressource zurückzugewinnen. Wir haben bereits Tausende von Kindern erreicht, und unser Ziel ist es, weltweit kostenloses Lehrmaterial über Lebensmittelabfälle anzubieten.

Heutzutage wollen die Verbraucher ihre Produkte hier und jetzt. Können wir trotz dieses Trends Nachhaltigkeit erreichen?

Die Ansprüche der Verbraucher steigen in allen Branchen, unter anderem bei digitalen Produkten und Dienstleistungen, bei On-Demand-Produkten und kundenspezifischen Dienstleistungen. Wir glauben jedoch, dass Nachhaltigkeit im «Hier und Jetzt»-Modell des Konsums möglich und auch notwendig ist. Mit «Too Good To Go» beweisen wir, dass es funktionieren kann, denn jeden Tag gehen Zehntausende von Menschen hinaus, um ihre «Magic Boxes» zwischen ihren eng getakteten Terminen abzuholen.

Überproduktion ist ein weiteres Problem, das angegangen werden muss. Führen Sie in diesem Bereich Projekte durch?

Die ideale Situation wäre, dass jedes Lebensmittelunternehmen nur die Lebensmittel produziert, die verzehrt werden sollen, aber das ist praktisch unmöglich. Den Geschäften müssen Produkte zur Verfügung stehen, die sie ihren Kunden während ihrer Öffnungszeit anbieten können. Wir helfen Geschäften, Einzelhändlern und Restaurants, Überproduktionen zu vermeiden, indem wir die überschüssigen Lebensmittel über die App verkaufen. Wir haben auch unseren eigenen Laden in Kopenhagen, wo Produzenten und Hersteller alle Produkte verkaufen können, die sie aus verschiedenen Gründen nicht in den Regalen der Supermärkte verkaufen können. Und natürlich arbeiten wir an anderen Ideen zur Bekämpfung von Lebensmittelabfällen und befähigen alle, Überproduktionen zu vermeiden und zu kontrollieren.

Mette Lykke ist Referentin an der 69. Internationalen Handelstagung des Gottlieb Duttweiler Instituts, die am 5. und 6. September 2019 stattfinden wird. Jetzt Frühbucherrabatt sichern!