Thought Leaders 2018: Der «Anti-Tribe»-Tribe

Das ursprüngliche «Wir alle» des globalen Diskurses hat sich zu einem «Wir gegen die nicht global Denkenden» entwickelt: Der Anti-Tribe ist selbst zum Tribe geworden. Dies zeigt die diesjährige Thought-Leader-Analyse des GDI.

Vor fünf Jahrzehnten machte die Menschheit einen grossen Schritt für sich selbst. Erstmals überhaupt verstand sie sich als Menschheit. Ausgehend von einem der wirkmächtigsten Fotos aller Zeiten, der Aufnahme des Blauen Planeten aus dem Weltraum, sowie den Schilderungen der ersten Astronauten, entstand eine Identität als Erdbewohner, die alle Menschen der Welt umfasste. Vorher war soziale Identität stets in Abgrenzung zu anderen Gruppen definiert worden – jetzt kam zur Globalisierung der Güter, der Bilder und Kommunikationen auch eine globale Identität hinzu. Der jahrtausendealten tribalistischen Struktur des «Wir gegen die Anderen» machte eine anti-tribalistische Struktur des «Wir alle» Konkurrenz.

Die Konkurrenz besteht weiterhin. Allerdings hat der globalistische Anti-Tribalismus inzwischen selbst eine tribalistische Struktur angenommen. Das ursprüngliche «Wir alle» des globalen Diskurses hat sich zu einem «Wir gegen die nicht global Denkenden» entwickelt: Der Anti-Tribe ist selbst zum Tribe geworden. Das zeigen die Ergebnisse der «Global Thought Leader» Studien, die das GDI seit 2012 jährlich durchgeführt hat. Es gibt unter den grossen Denkern Konservative und Progressive, Optimisten und Skeptiker, Spirituelle und Nerds – aber keine Nationalisten. Die Offenheit für alle Positionen im weltweiten Diskurs endet bei denen, die den weltweiten Diskurs an sich in Frage stellen.

Die Vordenker des Jahres 2018
Dies herauszufinden war nicht das ursprüngliche Ziel der Global-Thought Leader-Studie. Mit Hilfe einer Software, die die Intensität von Vernetzungen messen kann, sollten die einflussreichsten Denker der Welt ermittelt werden: Wer bewegt die Menschheit am meisten – und zwar nicht durch seinen Herrschaftsgewalt oder Wirtschaftsmacht, sondern durch die Kraft seiner Gedanken. Jedes Jahr wurden etwa 200 Kandidaten in die Condor-Software des MIT-Forschers Peter Gloor eingespeist, die möglichst nicht nur in einer Region, sondern weltweit Gehör finden. Zu den wichtigsten Auswahlkriterien gehörte dabei die Anzahl der Sprachen, in denen auf Wikipedia eine Biografie der jeweiligen Person vorhanden ist – gleichzeitig ein Indikator für Relevanz und Internationalität.

Tabelle 1 zeigt die Top 10 der Global-Thought Leader-Untersuchung des Jahres 2018. Wie in den Vorjahren belegt der Papst den ersten Platz. In puncto Internationalität lässt sich die katholische Kirche von kaum einer Institution der Welt übertreffen, und Franziskus’ Lust auf Teilnahme an aktuellen sowie zeitlosen Debatten scheint weiter ungebrochen. Mit dem Dalai Lama und dem Chef-Atheisten Richard Dawkins sind zudem weitere religiöse Denker in der Spitzengruppe vertreten: Ewige Werte sind offenbar immer und überall ein Thema.

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Tab. 1: Top Ten der GDI Global Thought Leader 2018

Im mehrjährigen Vergleich wird die Dominanz der Religionsführer noch deutlicher: Sie belegen gleich 3 der ersten 4 Plätze. Aufgefüllt wird das Vorderfeld durch weltweit prominente kluge Köpfe (wie Stephen Hawking), gute Menschen (wie Muhammad Yunus) und erfolgreiche Schriftsteller (wie J.K. Rowling).

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Tab. 2: Top Ten der GDI Global Thought Leader 2018 (mindestens 2 Teilnahmen, gerankt nach durchschnittlicher Platzziffer)

Der Stamm der Globalisten
Obwohl gerade keine bestimmte inhaltliche Ausrichtung vorgegeben wurde – die Bandbreite reicht von Philosophen über Physiker und Ökonomen bis zu Päpsten und Aktivisten – ergab sich eine Gemeinsamkeit der globalen einflussreichsten Denker: eine Ferne zu engeren, nationalen Identitäten. Dies zeigte sich bei einer Analyse mit der noch im Testmodus befindlichen «Tribefinder»-Software. Ebenfalls von Peter Gloor entwickelt, ermittelt sie aus der Analyse einzelner Twitter-Accounts, inwieweit deren Texte zu einem von vier Grund-Haltungen passen:

Spiritualist: Sie glauben an den Glauben, an höhere Wesen und ewige Werte. Sie finden Kraft in der Versenkung und sammeln Karma-Punkte. Mit die höchsten Spiritualism-Anteile unter den Global Thought Leadern erreichen der Dalai Lama und Papst Franziskus.

Nerd: Sie glauben an den Segen des Fortschritts, von Wissenschaft und Technik. Sie wollen den Tod besiegen und den Mars besiedeln. Sie sind Fans der Globalisierung und networken in Davos. Zu den Thought Leadern mit besonders hohem Nerd-Anteil gehören Elon Musk oder Bill Gates.

Treehugger: Sie glauben an die Grenzen des Wachstums und sind Freunde der Natur. Sie stellen einen Teil des technischen Fortschritts in Frage (z.B. Genmanipulation) und bejubeln einen anderen Teil (Alternative Energien). Hohe Treehugger-Werte unter den Thought Leadern erreichen beispielsweise Dany Cohn-Bendit oder Jane Goodall.

Fatherlander: Sie glauben an Gott und Vaterland – und ihr eigenes Vaterland ist natürlich das beste. Sie hängen an den guten alten Zeiten, schätzen Familie hoch und Ausländer gering. Spitzenwerte unter den Global Thought Leadern erreicht hier: niemand.

Während bei den drei anderen Mindsets jeweils mehr als ein Zehntel der 102 untersuchten Thought Leader-Kandidaten auf besonders hohe Anteile kommt (mehr als 40 Prozent), schafft beim Fatherlander-Tribe kein einziger der Kandidaten auch nur einen Anteil von 30 Prozent. 62 von 102, also eine absolute Mehrheit der Thought Leader, weisen einen extrem niedrigen Fatherlander-Anteil von unter 10 Prozent auf.

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Tab. 3: Tribe-Anteile der Thought Leader (Zahlen für 2018, für Thought Leader-Kandidaten mit eigenem Twitter-Account (102 von 207))

Zur Welt der nationalistisch und/oder populistisch eingestellten Fatherlanders besteht nicht so sehr eine feindliche oder kompetitive Beziehung – sondern eher eine Nicht-Beziehung. Dies zeigte sich insbesondere bei einer Auswertung, die Peter Gloor im November 2016 nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten durchführte. Die Personen, die das politische Spektrum rund um Donald Trump prägten, hatten praktisch keinerlei Verbindung mit dem Spektrum der Global Thought Leader. Wäre Steve Bannon, der damals wichtigste Kopf im Trump-Tross, als Thought Leader-Kandidat mit in die Untersuchung von 2016 aufgenommen worden, er wäre ziemlich sicher weit abgeschlagen im hinteren Teil des Feldes gelandet. Und das, obwohl er als einflussreicher Berater des mächtigsten Menschen der Welt tatsächlich das Kriterium erfüllt, durch seine Gedanken den Lauf der Welt zu verändern. Diese Atmosphäre des gegenseitigen Unverständnisses zwischen globalen und nationalen Denkern hält sich bis heute; sie ist typisch für tribale Strukturen.

Ivy League, Old-School Media, Erste Welt
Wie konstituiert sich der Tribe der Anti-Tribalen? Auch hier liefern die Thought Leader-Studien des GDI Daten. Bei der Untersuchung mit erhoben wurden nämlich teilweise die Bildungs- und Mediennetzwerke: Mit welchen Universitäten sind die Thought Leader verbunden? In welchen Medien spielen sie eine herausgehobene Rolle?

Bezüglich der Universitäts-Netzwerke zeigt Tabelle 4 eine klare Dominanz der angelsächsischen Elite-Einrichtungen. Sie gibt an, an welchen Universitäten die Thought Leader-Kandidaten des Jahres 2016 besonders häufig studiert und/oder gelehrt haben: 7 US-amerikanische und 3 englische Hochschulen bilden die Top Ten. Angesichts der Dominanz des Englischen in globalen Diskursen liegt nahe, dass die meisten Denker mit globaler Ausstrahlung auch mit angelsächsischen Universitäten zumindest in Berührung gekommen sind. Unangefochten an der Spitze steht die US-Elite-Uni Harvard: Fast jeder vierte der untersuchten Thought Leader hat dort zumindest einen Teil seines Studiums oder seines Berufslebens verbracht.

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Tab. 4: Die relevantesten Universitäten für Global Thought Leader (Daten für Thought Leader 2016, gerankt nach dem Anteil der untersuchten Personen, die an der betreffenden Universität studiert und/oder gelehrt haben)

Bei den Medien, in denen die Global Thought Leader besonders häufig auftauchen, liegen naturgemäss ebenfalls die englischsprachigen vorne – mit dem «Spiegel» schafft es nur ein anderssprachiges Medium unter die 20 wichtigsten in diesem Jahr. Ganz vorne dabei sind die Flaggschiffe des angelsächsischen Journalismus: «Guardian», «New York Times», «Washington Post;» aber auch die grossen sozialen Medien Facebook und Twitter, einige meist öffentliche Radio- und Fernsehsender sowie die stark auf Thought Leader fokussierten Ted-Talks.

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Tab. 5 und Netzwerk oben: Die 20 relevantesten Medien für Thought Leader (Zahlen für 2018, geordnet nach Betweenness Centrality, ohne Datenbanken, Aggregatoren, Suchmaschinen etc., jeweils für die Online-Domain des Mediums erhoben)

Ein weiteres Indiz, das dafür spricht, die globalen Denker als Tribe einzustufen, ist die regionale Begrenztheit. In den Thought Leader-Auswertungen der vergangenen Jahre wurde mehrfach festgestellt, dass der globale Diskurs nicht wirklich global ist, sondern wichtige Kulturräume der Welt kaum erfasst. Das betrifft vor allem zwei grosse Sprachräume: China und die arabische Welt. Die spanischen, deutschen und französischen Sprachräume haben zwar kulturelle Eigenheiten, sind aber weitgehend in den globalen (englischen) Diskurs integriert, Indien ebenfalls: Köpfe wie die spanischsprachigen Künstler Mario Vargas Llosa oder Pedro Almodovar, die deutschsprachigen Denker Jürgen Habermas oder Hans Küng oder Inder wie Arundhati Roy oder Amartya Sen sind immer wieder auf vorderen Plätzen der globalen Rangliste präsent. Aber China und Arabien spielen in eigenen Ligen. Auch hier zeigt sich (wie bei den Fatherlandern) keine Feindseligkeit, sondern eher eine wechselseitige Ignoranz.

Damit belegt die Thought Leader-Analyse die vermutetet Blase der sogenannten Elite. In der Welt von heute erweist sich die tribalistische Struktur der Globalisten aber als hinderlich. Sie erschwert den Dialog mit aufstrebenden Kulturen, die sich fern der angelsächsischen Kultur befinden. Und sie behindert ein Verständnis jener Kräfte, die zum Aufschwung populistischer und nationalistischer Kräfte im Abendland geführt haben. Einflussreichste Vordenker? Fehlanzeige, leider.