Thomas Sevcik: «Städte warten nicht auf den traditionellen Handel»

28.05.2020
Interview

Thomas Sevcik ist Mitgründer des Think Tanks arthesia und einer der Masterminds des Projektes Autostadt in Wolfsburg. An der GDI-Handelstagung und hier im Interview spricht er über das veränderte Einkaufsverhalten der Mittelschicht, die Aufgabe, die dem Handel in der Stadt zukommt und die Entmaterialisierung des Konsums.

Thomas Sevcik

GDI: Mit Entwürfen wie der Autostadt, dem Circle beim Zürcher Flughafen oder Grossquartieren in London und China wirken Sie als Stadtstratege. Was macht eine Stadt urban?

Thomas Sevcik: Urbanität ist gekennzeichnet durch ein paralleles Ablaufen von unterschiedlichsten Sachen, Tätigkeiten und Inhalten in einem eher engen Raum: Es wird gleichzeitig «geschäftet», kreiert, gegessen, gelebt, gebaut und transportiert – und vieles mehr. Stadt ist oft Zufälle, plötzliche Möglichkeiten und Muster bzw. Phänomene. In Suburbia und auch auf dem Land sind die Abläufe generell nicht nur langsamer, sondern haben weniger Bandbreite und sind vor allem eher seriell als parallel. In Moskau oder Las Vegas kann es passieren, dass man um 2 Uhr nachts angerufen wird: «Let’s have lunch now!». In Mettmenstetten nicht.

Welche Rolle kommt dabei dem Handel zu?

Der Handel ist eine Ureigenschaft von Städten. Städte sind entweder als Handelsplätze oder als Regierungssitze bzw. Hauptstädte entstanden. Die Handelsplatz-Stadt ist dabei die kräftigere und nachhaltigere Form. Daher ist der heutige moderne Handel eigentlich eine direkte Fortführung des früheren Marktes, des Souks/Bazars oder eines Hafenumschlagplatzes. Nun ist der Handel, wie wir ihn kennen, unter Druck: von Online, von veränderten Ansprüchen; teilweise aus eigenen Versäumnissen. Handel wird in Zukunft auch Handel von Erlebnissen sein; auch mehr Kultur, Bildung und Gesundheit wird «konsumiert» werden.

Wie gross ist die Relevanz historischer Planstädte – St. Petersburg, Brasilia, Chandigarh … – bei Ihrer Arbeit?

Beides: Eigentlich wenig, weil viele dieser Beispiele oft auch Misserfolge waren (St. Petersburg ist die erfolgreiche Ausnahme hier). Aber Planstädte kommen wieder, in Form von Spezialzonen, Privatstädten – siehe Dubai, siehe Städte in China; aber auch in Form von Ideen und Projekten in Europa.

Vor der Covid-19-Pandemie reisten Sie viel. Wo schöpfen Sie besonders viel Inspiration, und wie haben Sie sich mit den Reisebeschränkungen eingerichtet?

Ja, mein Erlebnis- und Erfahrungshorizont ist in der Tat drastisch geschrumpft. Ich mache normalerweise 200 Flüge pro Jahr. Nun war mein am weitesten entfernter Ort Frauenfeld. Aber Inspiration kommt jetzt von vielen Gesprächen mit fantastischen Personen und von tollen Büchern.

Ein Blick in die Zukunft: Wie wird sich das Verhältnis von Stadt und Handel bis 2030 und darüber hinaus entwickeln?

Handel wird wie gesagt teilweise «entmaterialisiert». Erlebnisse werden zum Produkt. Das wird verstärkt durch eine vermehrte, kommerzielle Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen im Dreieck Kultur, Bildung und Gesundheit; denn das sind Bereiche, die urbane, offene, «liberale» Menschen interessieren bzw. wo sie auch in sich investieren müssen. Gleichzeitig werden Städte immer auch Handelsplätze bleiben. Die Idee des Anbietens von Waren (aus aller Welt, oder von besonderer Qualität usw.) ist eine zentrale Komponente von Städten. Residenzstädte oder rein auf eine Industrieproduktion ausgerichtete Städte sind meistens viel langweiliger als die klassischen Handelsstädte an Flüssen, Seen oder Küsten. Das wird immer so bleiben. Aber: Der Handel muss sich jetzt bewegen. Die goldenen Zeiten von 1945 bis quasi heute kommen nie mehr zurück. Selbst in den aufstrebenden Ländern und Städten verändern die neuen Mittelschichten ihr Konsumverhalten sehr schnell in Richtung Erlebnisse, Kultur, spezielle Brands, «less-is-more» oder Lokalismus. Dieses globale «one-fits-all» kommt in dieser Form nicht mehr zurück. Es gibt immer noch viele Leute im Immobilien- oder Handelssektor, die das nicht glauben. Sie werden böse aufwachen. Städte sind nun anders geworden. Sie warten nicht auf den traditionellen Handel.