Sommertipps vom Think Tank: Jakub Samochowiec empfiehlt

03.08.2017

Aufmerksamkeit als Währung und Dataismus – dies sind die Leseempfehlungen des GDI-Forschers Jakub Samochowiec.

Tim Wu: Attention Merchants

Vor bald 200 Jahren kam ein Zeitungsverleger in New York auf die Idee, seine Zeitung unter den Produktionskosten zu verkaufen und die aus dem geringen Preis resultierende Verbreitung zu nutzen, um teure Werbeflächen in der Zeitung anzubieten. Das Geschäftsmodell der Werbefinanzierung hat seither kein Bisschen an Aktualität eingebüsst. Medienangebote locken unsere Aufmerksamkeit und verkaufen diese an Werbende weiter.

Im Buch «Attention Merchants» wird auf eindrucksvolle Weise die historische Entstehung von Marketing und die Verflechtung mit Medienschaffenden in den letzten 200 Jahren aufgezeigt. Von Werbe-Zeitungen aus dem 19. Jahrhundert, über Verkäufer betrügerischer Wundermittel, Nazi-Propaganda, gesponserten Radiosendungen, Reality-Soaps, bis hin zu Facebook und Google, zeichnet der Autor Tim Wu diese historische Entwicklung mit detaillierten Beispielen.

Das Buch hat klar einen mahnenden Charakter. Werbefinanzierung führe oft dazu, dass Inhalte schriller aber qualitativ schlechter würden. Die Gefahr besteht, dass, wie z. B. bei Reality-TV, nur noch die billigste Methode gesucht wird, unsere Aufmerksamkeit bis zur nächsten Werbepause aufrechtzuerhalten. Das Mittel der Werbung würde zum Zweck. Das Aufkommen qualitativ hochwertiger Serien auf Bezahlplattformen wie z. B. Netflix scheinen seine Hypothese zu stützen. Ausserdem sei die Aufmerksamkeit selber etwas, das wir schützen sollten. Durch die schrille Medienwelt, welche jede Gelegenheit sucht, um uns eine Werbemitteilung unterzujubeln, laufen wir laut Wu Gefahr, über die wertvollste Ressource der Medienwelt, unsere Aufmerksamkeit, die Kontrolle zu verlieren.

Yuval Noah Harari: Homo Deus

Nachdem der Historiker Yuval Noah Harari in seinem Buch «Sapiens» schon die gesamte Menschheitsgeschichte auf eindrückliche und unterhaltsame Art und Weise kurz dargestellt hat, wagt sich der Historiker im Buch «Homo Deus» nun an die Zukunft. Was tun wir Menschen nun, nachdem wir viele grundlegende menschliche Probleme wie Krankheiten, Kriege oder Hungersnöte (welche im Vergleich zur gesamten Menschheitsgeschichte heutzutage alle weitgehend Randerscheinungen sind), weitgehend bewältigt haben?

Seine Grundidee, dass der gemeinsame Glauben an Fantasiegebilde (Gott, Geld, Nationen, Firmen, etc.) Menschen ermöglicht, in grosser Zahl, auch mit Fremden, zu kooperieren, wird im Buch weitergeführt. Diese Fantasiegebilde erhalten durch technologischen Fortschritt einerseits eine enorme Macht. Unsere Vorfahren haben vielleicht einst mal an einen Krokodilgott geglaubt, was dazumal grossen Einfluss gehabt haben mag, heute aber für die meisten irrelevant ist. Es ist im Reich der Fantasie geblieben. Wenn wir Planeten formen, künstliche Intelligenzen programmieren, unser eigenes Erbgut verändern oder uns unsterblich machen, werden sich Fantasiegebilde auf nachhaltige Weise in uns selber manifestieren und bestimmen, was es überhaupt bedeutet, ein Mensch zu sein. Menschen werden, was zuvor nur Göttern zugeschrieben wurde.

Diese neue Macht erhalten wir aber, indem wir sie gegen Sinn eintauschen. Viele bestehende Fantasiegebilde, welche uns Sinn geben, lassen sich mit moderner Technologie und Wissenschaft nicht vereinbaren. Der Glaube an einen freien Willen steht im Widerspruch zu einem wissenschaftlichen Weltbild. Psychologische Experimente zeigen, dass wir nicht immer wissen, was uns am glücklichsten macht. Der unsere Kultur bestimmende Mythos des Humanismus basiert aber laut Harari auf der Annahme, dass wir z. B. einen freien Willen haben (was durchaus zu diskutieren wäre).

Daraus folgt für Harari, dass Humanismus durch ein neues Glaubenskonstrukt abgelöst werden könnte. Als wahrscheinlichen Kandidaten sieht der Autor den Dataismus, den glauben daran, dass Daten unser Leben einfacher und bequemer machen können. Dass Google und Co. uns besser kennen, als wir es selber tun und deshalb die besseren Entscheidungen treffen können.

Wie sein erstes Buch ist auch «Homo Deus» sehr unterhaltsam zu lesen und gibt interessante neue Blickwinkel auf bestehende Fragen. Man muss nicht mit allem einverstanden sein, um aus diesem Buch viel zu lernen.