Sommertipps vom Think Tank: Bettina Höchli empfiehlt

18.08.2016

Was beutet Heimat in Zukunft? Und muss der Nationalitätsgedanke in Zeiten des Internets überdacht werden? Antworten auf diese Fragen sowie Ideen für die Zukunft des Kapitalismus finden sich in den Sommerempfehlungen der GDI-Forscherin Bettina Höchli.

Die Zukunft der Grenzen

Während die Digitalisierung alle Grenzen abschafft und sie dem Moment entsprechend neu bildet, ist es für den Menschen immer noch sehr schwer, Grenzen zu überwinden. Er entwickelt sich weniger schnell als die Maschine, er kann sich nicht so schnell bewegen wie Informationen und Güter, er hat Mühe mit der Entwurzelung und sehnt sich nach Heimat. Doch was ist Heimat heute? Was macht Heimat aus, in der sich Grenzen verschieben und sich die Bedeutung von Grenzen ändert? Das Team des Stapferhauses Lenzburg denkt in seiner nächsten Ausstellung über die inneren und äusseren Grenzen von Heimat nach.
 
Und was wird Heimat in Zukunft überhaupt bedeuten? Wie werden sich die Grenzen in den verschiedenen Dimensionen verändern, und wie werden sie uns beeinflussen –respektive wir sie beeinflussen? Wird unsere Nationalität digital? Einen Ansatz dazu bietet der Londoner Künster James Bridle mit seinem Projekt Citizen X, einer Browser-Erweiterung, die die «algorithmische Staatszugehörigkeit» seines Nutzers anhand der von ihm besuchten Internetseiten visualisiert. Werden die Grenzen mobil, flexibel und individuell, gar biologisch? Auf jeden Fall werden sie nicht mehr so fix sein, dass sie in einem Atlas festgehalten werden könnten, wie es auch das Kollektiv «Antiatlas» in seinem Manifest zum Ausdruck bringt.

Die Zukunft des Kapitalismus

Der Kapitalismus sei ein komplexes, anpassungsfähiges System, das jedoch an die Grenzen seiner Anpassungsfähigkeit gestossen sei, schreibt der Autor Paul Mason in seinem Buch «Postkapitalismus: Grundrisse einer kommenden Ökonomie».

Er ist nicht der einzige, der auf negative Auswirkungen der heutigen Auslegung des Kapitalismus aufmerksam macht. Seine Argumentation basiert auf einer Geschichtsanalyse: Gemäss Nikolai Kondratjews Wellentheorie werden die grossen Wirtschaftszyklen durch technologischen Fortschritt vorangetrieben – etwa durch Dampfmaschine, Eisenbahn oder Atomenergie. Die heutige Welle wird durch die Digitalisierung ermöglicht. Wichtigste Güter dieser Welle sind Informationen, welche sich fundamental von den Gütern vergangener Innovationszyklen unterscheiden: sie sind theoretisch unbegrenzt verfügbar und kostenlos. Erstmals besteht die Möglichkeit, genügend gemeinschaftlich produzierte Güter herzustellen. Mangel muss nicht mehr wie bisher bekämpft werden, sondern wird nun, beispielsweise durch Monopole, künstlich erzeugt; Banken und Regierungen etwa versuchen die Kontrolle über Macht und Informationen zu behalten. Laut Mason erfordern diese Veränderungen ein neues System, dessen Entwicklung bereits begonnen hat: Peer-to-peer-Modelle oder die Sharing–Economy veranschaulichten, wie der Postkapitalismus aussehen könne. Paul Masons Buch, aber auch Analysen unter anderem des Internationalen Währungsfonds zeigen, dass wir den Kapitalismus, wie er heute verstanden wird, hinterfragen und alternative Szenarien beleuchten müssen – Masons «Postkapitalismus» eignet sich dabei hervorragend als Anstoss.