Sjaak Wolfert: «Die Lebensmittelproduktion wird ohne menschliches Zutun stattfinden»

Software hilft heute schon Landwirten, Lebensmittel effizienter und nachhaltiger zu produzieren. Welches Potenzial in Smart Farming noch steckt, erklärt Sjaak Wolfert hier im Vorabinterview und an der 1st International Food Innovation Conference. Wolfert ist Themenbotschafter «Digitale Innovation in Agri-Food» an der Universität Wageningen.

Sjaak Wolfert

GDI: Was ist Smart Farming?

Sjaak Wolfert: Smart Farming bedeutet: ein integrierter Einsatz von fortschrittlicher Hardware und Software im landwirtschaftlichen Managementzyklus. Beispielsweise können intelligente Sensoren den Landwirten helfen, ihre Pflanzen oder Tiere auf eine Weise zu beobachten, die über die menschlichen Sinne und Fähigkeiten hinausgeht. Software kann die Daten dieser Sensoren interpretieren und kombinieren, so dass der Landwirt fundiertere Entscheidungen treffen kann. In einigen Fällen können die Systeme dank künstlicher Intelligenz sogar selber entscheiden.

Was wird sich durch Smart Farming verändern, und wer wird davon profitieren?

Smart Farming kann die Ressourceneffizienz von Produktionsprozessen deutlich verbessern – nicht nur im wirtschaftlichen Sinne, sondern auch durch die Reduktion von Umweltbelastungen. Der Hauptprofiteur ist natürlich der Landwirt, aber auch Technologieanbieter und ihre Zwischenhändler werden Nutzen ziehen. Ausserdem profitieren die KonsumentInnen, wenn die generierten Daten mehr Transparenz darüber schaffen, wie Nutzpflanzen angebaut und Tiere aufgezogen werden.

Wie lange wird es dauern, bis die konventionelle Landwirtschaft der Vergangenheit angehört?

Die konventionelle Landwirtschaft ist nicht wirklich homogen; in der Realität gibt es eine grosse Vielfalt unter den Landwirten. Daher ist es besser, von bestimmten Praktiken zu sprechen, die aussterben werden. Zum Beispiel wird Smart Farming einen präziseren Einsatz von Pestiziden oder Düngemitteln ermöglichen, anstatt sie auf dem ganzen Feld auszubringen. Dies geschieht bereits heute und wird in den kommenden zehn Jahren zum Mainstream werden, wobei die Möglichkeiten stark vom jeweiligen Problem oder der Krankheit abhängen. Auch der ökologische Landbau profitiert von intelligenten Technologien – zum Beispiel wenn weniger manuelle Arbeit benötigt wird – und wird sich daher ebenfalls verändern.

Wie kann das Internet der Dinge die Lebensmittelrevolution vorantreiben?

Das IoT gehört zu einer Teilmenge von smarten Technologien, die, um effektiv zu sein, mit anderen Technologien wie KI, Big-Data-Analyse, verknüpften Daten usw. kombiniert werden können und sollten. IoT ist ein wichtiger Treiber, um landwirtschaftliche Prozesse autonomer zu machen. Denn es erleichtert die 24/7-Überwachung von Pflanzen und Tieren bietet die Möglichkeit, Prozesse völlig autonom durchzuführen, also ohne ein Eingreifen des Landwirts . In Zukunft können wir uns vorstellen, dass der Prozess der Lebensmittelproduktion von der Saat bis zum Teller ohne jegliches menschliches Zutun abläuft.

Welches aktuelle Projekt im Bereich Smart Farming fasziniert Sie am meisten?

Das Projekt «Internet of Food and Farm 2020» (IoF2020) ist gerade erst zu Ende gegangen, aber die Aktivitäten und Entwicklungen werden im Rahmen des SmartAgriHubs-Projekts fortgesetzt. IoF2020 untersuchte das Potenzial des IoT in der intelligenten Landwirtschaft anhand von 33 Use-Case-Projekten aus ganz Europa in verschiedenen Teilsektoren. Viele der vielversprechenden Anwendungen, die aus diesem Projekt hervorgegangen sind, werden derzeit kommerzialisiert. SmartAgriHubs ist bestrebt, lokale und regionale Digital Innovation Hubs in ganz Europa zu etablieren. Sie sollen digitale Innovationen in der Land- und Ernährungswirtschaft fördern und ein Netzwerk für den Austausch von modernstem Wissen und Erfahrungen bilden.

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