Selbstbestimmt alt werden dank Smart Assistants

Alle wollen alt werden – doch alt sein, will niemand. Wo Jugend das Ideal ist, wird der körperliche und geistige Verfall so lange wie möglich aufgeschoben. Das verändert die Gesellschaft massgeblich und stellt das Pflegesystem vor neue Herausforderungen.

Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus der GDI-Studie «Take Care – Der Mensch emanzipiert sich vom Betreuungssystem. Das wird die Care-Branche revolutionieren». Zum Gratis-Download.

Die Pflegebedürftigen von gestern hatten andere Einstellungen, Erfahrungen, Ansprüche und Vorlieben als die von heute, und diese werden sich wiederum relevant von denen der Pflegebedürftigen von morgen unterscheiden. Zwei Beispiele zur Verdeutlichung solcher Effekte:

  • Der mit dem Jahr 1968 verbundene Kulturwandel führte zu einer massiven Jugendpräferenz. Die hat in den seither vergangenen fünf Jahrzehnten nicht nur die Werbung, sondern auch die Menschen geprägt. So geben die heute 60- bis 70-Jährigen an, sich deutlich jünger zu fühlen als es ihrem biologischen Alter entspricht – eine klare Mehrheit sogar um mehr als zehn Jahre. In 20 Jahren wird diese Kohorte der dann 80- bis 90-Jährigen den grössten Teil der Pflegebedürftigen in der Schweiz ausmachen und andere Services erwarten als ihre Eltern- oder gar ihre Grosselterngeneration.
  • In der Industriegesellschaft des späten 20. Jahrhunderts verstärkte sich überall in der westlichen Welt das Anspruchsdenken gegenüber Staat und Gesellschaft. In allen Lebensbereichen verschob sich entsprechend das Gewicht von einem bescheidenen «Sich-Ins-Gegebene-Fügen» hin zu einem selbstbewussten Formulieren der eigenen Wünsche. Mit der typischen Verschiebung um mehrere Jahrzehnte wird dieser Einstellungswandel auch das Pflegesystem erreichen und prägen.

Selbst wenn «80 das neue 60» werden sollte und die Schweizer bis in ein weit höheres Alter als früher geistig und körperlich aktiv bleiben und selbst wenn sie ihre eigenen Wünsche besser formulieren und durchsetzen können als frühere Generationen: Die existenzielle Erfahrung von Gebrechlichkeit und Verfall wird dadurch nicht (faktisch) verhindert, sondern lediglich (zeitlich) verschoben und (psychologisch) verdrängt. Auf dem Weg zum immer noch sicheren Tod verlassen jeden die Kräfte. Das «Illness-Wellness Continuum», 1975 von John Travis entwickelt, zeigt modellhaft diese Entwicklung: keine Einbahnstrasse zu immer schlechterer Konstitution, aber mit unausweichlichem Verfall.

Wellness Illness Continuum nach John Travis GDI

Wellness-Illness Continuum nach John Travis

Je schwächer man wird, umso schwerer fällt es, zu entscheiden – was natürlich auch für selbstbewusste Babyboomer gelten wird. Zudem sind mentale Verfallserscheinungen wie Demenz bei weitem schwerer zu behandeln oder zu umgehen als körperliche Gebrechen: Es gibt keinen Rollstuhl fürs Gehirn. Allerdings führt auch eine solche Situation nicht zwingend dazu, dass die Entscheidungskompetenz von den nicht mehr Entscheidungsfähigen wie bisher auf Angehörige beziehungsweise Pflegekräfte verlagert wird. Ebenso denkbar ist eine Übertragung auf Smart Assistants: eine Art «digitale Patientenverfügung» für das Leben in Umnachtung. Die Pflegekräfte müssten dann ihre jeweiligen Handlungen mit einem Smartphone oder einer Cloud abstimmen.

 

Sie möchten mehr zur Zukunft der Pflege erfahren? Die GDI-Studie «Take Care» steht Ihnen kostenfrei als Download zur Verfügung.