Sechs Themen: So verändern sich Städte nach dem Covid-19-Lockdown

28.05.2020

In Städten herrscht Nähe, doch die Pandemie gebietet physische Distanz. Wie lässt sich das Dilemma lösen? Und wie verändert sich der öffentliche Raum? GDI-Researcherin Marta Kwiatkowski identifiziert sechs Themen, die die Post-Corona-Stadt prägen werden.

Park Corona Social Distancing

Krisen haben in Städten schon immer zu räumlichen Veränderungen geführt. Nach dem «Great Fire of London» mussten grössere Abstände zwischen den Häusern eingehalten werden, die Strassen wurden breiter. Und die Ideen des Stadtplaners Georges-Eugène Baron Haussmann – weg von der mittelalterlich geprägte Architektur hin zu breiten Boulevards – haben Paris zu einer Stadt des Sehens und Gesehenwerdens gemacht.

Gerade Metropolregionen wie New York, Paris oder Mailand mit einer hohen räumlichen Dichte und einer grossen Mobilität der Bevölkerung sind von der aktuellen Covid-19-Pandemie besonders stark betroffen. Welche Auswirkungen wird nun sie auf unsere Städte haben, wenn ihre  Eindämmung doch von der physischen Distanz abhängt?

1. Rural Remote: Wer es sich leisten kann, begeht Stadtflucht

Durchschnittlich werden in der Schweiz 46 Quadratmeter Wohnfläche pro Person beansprucht. In Tokio sind es sogar nur 14. Unter diesen Umständen mehrere Wochen nur in den eigenen vier Wänden verbringen zu müssen, erscheint fast unmöglich. Wie werden sich diese Erfahrungen auf die Wohnarchitektur der Zukunft auswirken? Verabschieden wir uns von den Zielen des dichteren Bauens und des Microlivings in urbanen Räumen? Oder erleben wir gar die Renaissance des Eigenheim-Traums mit Swimmingpool? In erster Linie sind das soziale Fragen. Wieviel soziale Nähe und Intimität lassen wir zu und zu wem? Und wie definieren wir für uns Dichte? Dass es bei diesen Fragen deutliche kulturelle Unterschiede gibt, konnten wir bei den individuellen politischen Massnahmen der Nationen beobachten.

Privilegiert schienen während des harten Lockdowns jedenfalls jene, die über einen Stadtgarten verfügen oder ein zweites Domizil in peripheren Orten ihr eigen nennen. Wer es sich leisten konnte, beging Stadtflucht. Homeoffice funktioniert auch abgelegen. Auf dem Land oder in den Bergen konnte man sich frei bewegen, fast ohne jemandem zu begegnen.

2. Fluid Public Space: Dichtestress im Naherholungsgebiet

Die Schweiz erlebte zwar keine Ausgangssperre wie etwa Italien oder Spanien  Doch auch hierzulande waren Spielplätze, Sportanlagen, Stadtparks und Seeufer teilweise abgeriegelt. Mit dem Effekt, dass es plötzlich in den Wäldern eng wurde. Die Menschen suchten sich ihre Freiräume – ganz unabhängig von starren Zonenplänen. Wenn man eine Schleuse schliesst, wird der Druck auf die verbleibenden grösser. Analog dazu hat die Schliessung eines Teils des öffentlichen städtischen Raums zu einer schlechteren Verteilung der Menschen auf dem verbleibenden öffentlichen Raum geführt.

In Städten wie New York City wird die soziale Ungleichheit anhand des Zugangs zu Naherholungsgebieten noch deutlicher. Stadtparks wie der Central Park oder der Prospect Park liegen mehrheitlich in privilegierten Wohngegenden. Gerade in Zeiten, in denen die Nutzung des öffentlichen Verkehrs nicht opportun scheint, ist der Zugang zu solchen Räumen in Fuss- oder Velodistanz entscheidend.

Im Vergleich zu New York City sind die Schweizer Städte klein und die Distanzen zu Wäldern oder Seen kurz. Doch verfügen unsere Städte über genügend einfach zugängliche Naherholungsgebiete? Oder werden die Forderungen nach mehr Grünflächen lauter? In diesem Zusammenhang könnten die Erfahrungen aus dem Lockdown die langfristigeren Sorgen zur Auswirkung des Klimawandels auf unsere Städte verstärken und damit den Wunsch nach natürlichem Schatten und Erholungsraum in den Kernstädten beflügeln.

3. Wellness-City: Strassenraum als Wellness-, Sport- und Spiel-Raum

Das steigende gesellschaftliche Bewusstsein für Wohlbefinden und Gesundheit konnte von der Pandemie nicht ausgebremst werden. Bleiben Fitnesscenter, Sportanlagen und Schwimmbäder geschlossen, braucht es Ausweichmöglichkeiten. Der Aussen- und Strassenraum ist während des Lockdowns zu einer Openair-Sportanlage geworden. Die Menschen haben ihre Velos und Inline-Skates aus dem Keller geholt oder sind zu Joggern und Spaziergängern geworden. Das schöne Wetter verlockte die Stadtbewohner gar dazu, mit eigenen Stühlen zum Sonnenbad nach draussen zu gehen. Im Berliner Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg beispielsweise wurden 30 Strassenabschnitte gesperrt, damit Kinder Raum zum Spielen erhalten.

Dass es sich bei Covid-19 um eine Gesundheitskrise handelt, hat den Wunsch nach Wohlbefinden und Ausgeglichenheit noch weiter beflügelt. Die bereits eingetretene Ruralisierung des urbanen Raumes wird dadurch beschleunigt. Zudem wird bei einer älter werdenden Gesellschaft und steigenden Gesundheitskosten die Fitness weiter an Bedeutung gewinnen. Prävention ist gesellschaftlich erwünscht und wird gefördert. Der Trend hin zu einer Stadtinfrastruktur, die das Wohlbefinden ihrer BewohnerInnen fördert, dürfte weiter steigen.

4. Safe Mobility: Sichere Mobilität bedeutet (im Moment) virenfreie Mobilität

Das Fahrrad wird zum bevorzugten Fortbewegungsmittel, «eine Velorution» ist ausgebrochen. Das lange angestrebte Ziel vieler Städte, für Velos attraktiver zu werden und damit mehr Pendler auf das Rad umzusatteln, scheint vom einen Tag auf den anderen erreicht. In Brüssel werden im sogenannten inneren Ring die Strassen für Fussgänger frei gegeben, und Autos dürfen nur mit maximal 20 Stundenkilometern fahren. Sind die Distanzen dafür aber zu gross, erlebt das Auto in Pandemiezeiten allerdings ein Revival. Wenn schon Viren und Bakterien, dann bitte nur die eigenen.
Mobilitätskonzepte für die Zukunft gehen von einem weiteren Anstieg des öffentlichen Verkehrs aus, von Sharing-Modellen autonomer Fahrzeuge und einer mixed Mobility, die unsere Mobilität so effizient, platzsparend und ökologisch wie möglich abwickelt. Sind alle diese Konzepte nun Makulatur?

Auch wenn sich das Homeoffice auf lange Sicht verbreitet durchsetzen wird und Geschäftsreisen teilweise mit Videokonferenzen ersetzt werden; weitere Lockerungen und eine ansteigende Mobilität werden nicht nur zu Konflikten unter den VerkehrsteilnehmerInnen der privaten Mobilität führen, sondern die Grenzen dieser privaten Mobilität wieder deutlich machen. Insbesondere der motorisierte Individualverkehr braucht mehr Platz. Platz, der gerade in dichten Städten von den Menschen lieber in Form von Grünflächen zum Picknicken oder zum Sporttreiben genutzt werden möchte, statt für Parkplätze und mehrspurige Strassen.

5. Public vs. Private: Gastronomie unter freiem Himmel und Schlangen vor den Shops

Viele Unternehmen leiden unter den Folgen der Corona-Massnahmen. Margenschwache Branchen wie die Gastronomie oder der Lebensmitteleinzelhandel sind in besonderem Masse von den ökonomischen Konsequenzen betroffen und können unter Einhaltung der geforderten Distanzregeln ihre Mietfläche nicht so dicht bewirtschaften wie zuvor. Das hat zur Folge, dass der Aussenraum mitgenutzt wird. Denn jetzt steht der Sommer vor der Tür, da können die Tische draussen bei schönem Wetter weit auseinander platziert werden. Dafür nutzen die Gastronomen als Erweiterung zu bestehenden oder nicht bestehenden Gartenwirtschaften einen Teil des angrenzenden öffentlichen Raums, der privatisiert und damit kommerzialisiert wird. In Rotterdam beispielsweise erlaubt es die Stadtverwaltung den Gastronomen sogar, ohne Bewilligung Parkplätze zu Gartenwirtschaften umzunutzen. In deutschen und Schweizer Städten gibt es ähnliche Konzepte.

Bereits vor der Corona-Krise haben Teile der Bevölkerung diese Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes kritisiert. Sie steht in Konkurrenz zu einer individuellen Aneignung des öffentlichen Raums für andere, temporäre Zwecke wie beispielsweise dem Verweilen oder Sporttreiben, für Kunstinterventionen oder politische Kundgebungen. Konsumation ist Pflicht, wodurch Nutzergruppen an solchen Orten ausgeschlossen werden.

6. Beyond Urban Farming: Die Stadt als Landwirtschaftszone

Die Corona-Krise hat vielen Menschen vor Augen geführt, dass ihre Produkte des täglichen Bedarfs rund um die Welt transportiert werden, bevor sie auf ihren Teller landen. Die Lieferketten konnten während des Lockdowns teilweise nicht mehr sichergestellt werden. Die Dysfunktionalitäten des globalen Food-Systems sind plastisch vor Augen getreten: Corona hat den Food-Waste-Anteil nochmals erhöht. Der eingeschränkte Radius hat zudem den Fokus auf das eigene Viertel und die Region gestärkt. Der Laden um die Ecke wurde für viele Stadtbewohner zur zentralen Versorgungsstation, und die Solidarität mit dem lokalen Gewerbe wuchs. Auch die Nachfrage nach lokal produzierten Landwirtschaftsprodukten ist gestiegen, einige Gemüsesorten wurden gar knapp. Bereits werden Stimmen laut, der Selbstversorgungsgrad der Schweiz müsse erhöht werden.

Neue Technologien könnten auch hier Abhilfe schaffen und die Stadt zu einer erweiterten Landwirtschaftszone machen. Zum einen ist unter Laborbedingungen gezüchtetes Gemüse keimfreier als Bioprodukte. Und zum anderen werden durch den Strukturwandel in der Arbeitswelt und im Handel viele Flächen frei.

Die Stadt hat schon viele Krisen erlebt, wurde verschrien, gehasst und verlassen. Doch sie hat sich immer wieder neu erfunden. Sie lebt von der Dichte, die zugleich ihre Qualität, wie auch ihre Herausforderung ist. Eine Desurbanisierung wird kaum die Folge dieser Krise sein. Wir werden Mittel und Wege hin zu einer «gesunden» Stadt finden, die mit den potenziellen Gefahren der Dichte umzugehen weiss. Die aufgeführten Themen zeigen jedoch eines auf: Die nächste Ära der städtischen Transformation wird nicht durch die Architektur, die Gebäude, die Zonenpläne oder einen Städteplaner definiert; die Stadt wird von den Menschen gemacht, die sie nutzen, sich den Raum aneignen, ihn umdefinieren und umnutzen. Es sind zuallererst soziale Fragen, die geklärt werden müssen, und erst in zweiter Linie bauliche. Neue Technologien werden diese Transformation und nötige Flexibilisierung der Raumnutzung erleichtern.