«Roboter sollen Menschen befreien»

Nadia Shouraboura war Top-Managerin bei Amazon. Jetzt lässt sie in ihrem Kleiderladen Hointer die Roboter arbeiten. Wie Maschinen den stationären Handel retten, und was das für die Angestellten bedeutet, erklärt Shouraboura im Interview zur GDI-Handelstagung.

Warum nochmal ist Onlinehandel erfolgreich? Zum Beispiel, weil er typische Ärgernisse des physischen Retail umgeht. Im Kleiderladen bedrängen uns übermotivierte Verkäufer, wir müssen uns durch Berge von Hosen wühlen, und vor Kabine und Kasse stehen wir ewig Schlange. Web-Shopping dagegen funktioniert schnell, angenehm und vom Sofa aus. Zum Beispiel bei Amazon, dem bekanntesten Retailer im Netz. Dessen hochkomplexe Vertriebsmaschinerie dafür, dass die ganze Welt rasch und zuverlässig mit Produkten versorgt wird.

Bis vor kurzem hielt Nadia Shouraboura diese Maschine am Laufen. Als eine der zehn obersten Top-Manager und Head of Global Fulfillment Technology war sie zuständig für Mitarbeiter, Hardware und Algorithmen, die Amazon zu dem gemacht haben, was es heute ist: der führende Onlinehändler mit einer den Markt dominierenden Versorgungskette.

Nun hat Shouraboura einen eigenen Laden eröffnet, einen physischen, in Seattle: Hointer. Und so wie bei Amazon nicht Produkte, sondern Software und Vertrieb für den Erfolg entscheidend sind, so will Shouraboura mit Hointer die Laden-Technologie revolutionieren. «Wir sind ein Technologie-Inkubator, ein Software-Startup», sagt sie.

Im Laden hängen Hosen mit Zettel mit QR-Codes daran. Wer sie scannt, erhält über die Hointer-App Informationen und kann die Hose in der richtigen Grösse in die Kabine liefern lassen – von Robotern. Bei Hointer arbeiten Menschen nur noch als Modeberater, die Lagerbewirtschaftung wird von smarten Maschinen übernommen.

Der Roboter-Laden hat für internationale mediale Aufregung gesorgt. Und in der Handelsbranche blickt man gespannt auf dieses Ladenkonzept, welches das beste aus On- und Offline kombinieren will. Im Vorfeld ihres Referates an der GDI-Handelstagung vom 11. und 12. September haben wir mit Shouraboura ein Interview geführt.

Bei Hointer übernehmen Roboter die Arbeit von Menschen. Wie sieht die Rolle der Angestellten der Zukunft aus?
Die Rolle der Menschen ist es, zu kreieren. Die Rolle der Roboter ist es, die Menschen zu befreien, damit sie kreieren können. Bei Hointer erledigen billige Roboter einfache, repetitive Aufgaben. Die Angestellten werden somit zu Modeberatern befördert. Ihre Mission ist, dafür zu sorgen, dass unsere Kunden gut aussehen und eine erinnerungswürdige Dienstleistung erfahren.

Retten smarte Maschinen den stationären Handel?

Smarte Maschinen können helfen, aber schlussendlich kann nur eine grossartige Shopping-Erfahrung den stationären Handel retten. Wir müssen die Laden-Erfahrung neu erfinden ihren sinnlichen Reichtum dazu nutzen, die Online-Erfahrung im Vergleich leer und lächerlich wirken zu lassen.

Hointer verkauft Männerjeans. Warum sind Männer ihre erste Zielgruppe? Gibt es Geschlechterunterschiede in der Art, wie wir Technologie zum Einkaufen nutzen?

Wir dachten, Männer mögen Technologie und hassen es, zu warten. Also haben wir alles eliminiert, was Kunden warten lässt. Es hat sich herausgestellt, dass auch Frauen Warten hassen. Und dass sie ebenso technologisch bewandert sind.

Sie sind mit Jeans gestartet. Was kommt danach?

Wir setzen auf ganze Bekleidungskollektionen, mit Oberteilen und Accessoires. Wir haben unsere Technologie bereits an andere Händler lizensiert. Die haben herausgefunden, wie sie das System effizient für Elektronik, Kosmetika und auch für Lebensmittel einsetzen können. Wir haben sogar einen Spielzeugladen.

Bevor Sie Hointer gründeten, arbeiteten Sie als Topmanagerin beim führenden Onlinehändler, Sie waren unter den obersten Zehn bei Amazon – was ist Ihr wichtigstes Take-away?
Sie müssen innovieren, experimentieren und schnell sein. Vor zehn Jahren war Online-Shopping neu und aufregend, und Händler, die mit das Web verstanden, gewannen Marktanteile. Wir sind nun unterwegs in die nächste Phase – eine gemischte Erfahrung aus Mobile, Online und In-Store. Die Kunden sind uns bereits voraus, also müssen wir schnell sein.

Roboter können Waren schnell und gut bewegen, wie Sie mit Hointer zeigen. Wo sonst können Roboter Arbeiten rascher und billiger als Menschen erledigen?
Repetitive, einfache und langweilige Aufgaben sind die Hauptkandidaten für Automatisierung. Im Handel muss die Automatisierung sehr simpel und kostengünstig sein und keinen grossen Unterhalt benötigen.

Was werden die Teilnehmer der Handelstagung von Ihnen erfahren, das Sie sonst nirgendwo zu hören bekommen?
Ich freue mich weiterzugeben, was ich bei Amazon und Hointer gelernt habe. In beiden Unternehmen habe ich viel experimentiert und viele Ideen ausprobiert. Die meisten haben nicht funktioniert. Aber einige haben sich überraschend gut umsetzen lassen und meine Ausgaben verringert und meine Einnahmen erhöht. Darüber werde ich also auch erzählen.