Robert Kagan «Stärkt die liberalen demokratischen Institutionen»

09.01.2019
Interview

Noch nie sei die transatlantische Partnerschaft so konflikthaft gewesen wie heute, meint der amerikanische Polit-Experte Robert Kagan. Das weltpolitische System könnte bald kollabieren, so seine Befürchtung. Darüber, wie es so weit kommen konnte und warum er auf Europa hofft, sprach er in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag».

Robert Kagan Photo Credit Cyndy Porter

Der nachfolgende Text besteht aus Ausschnitten eines Interviews der «NZZ am Sonntag» mit Robert Kagan, welches am 23. Dezember 2018 erschien. Zum vollständigen Interview.

NZZ am Sonntag: Worin genau besteht denn die amerikanische Weltordnung?

Robert Kagan: Viele Leute glauben, es gehe bei dieser Weltordnung – oft wird sie ja auch «regelbasiert» genannt – um idealistische Institutionen wie die Vereinten Nationen. Doch in der Essenz geht es um etwas anderes: In der neuen Weltordnung wurden die bis zum Zweiten Weltkrieg aggressiv agierenden Mächte Deutschland und Japan ausgeschaltet als geopolitische Mächte. Sie wurden nach dem Krieg umgewandelt in friedliche nichtmilitärische Staaten, die sich ausschliesslich auf die Wirtschaft fokussierten. Das war der Hauptgrund, weshalb es den USA gelang, Europa und Asien zu befrieden. Das ist der Kern der liberalen Ordnung. Um diesen Kern herum wurde eine Allianz-Struktur gebaut, über welche die USA immer engagiert blieben in diesen Weltgegenden. In dieser liberalen Ordnung gaben ausserdem auch andere Länder, Frankreich und Grossbritannien zum Beispiel, ihre traditionellen geopolitischen Ambitionen der vorigen Jahrhunderte auf.

NZZaS: Ist die europäische Furcht vor Trump berechtigt?

Robert Kagan: Ja, die Europäer haben recht, besorgt zu sein. Trump will sich ja nicht nur aus der Welt zurückziehen. Er ist feindselig gegenüber der liberalen Welt, er ist feindselig gegenüber der EU, er ist feindselig gegenüber den rechtskonservativen und linken Parteien in Europa. Er mag beispielsweise die britischen Tories nicht, sondern zieht den früheren Chef der Rechtspartei Ukip, Nigel Farage, vor. In Frankreich sympathisiert er mit der Rechtsaussenpartei Front National (heute Rassemblement National). In Italien mit der derzeitigen populistischen Regierung. Trump ist der erste Präsident der US-Geschichte, der mit den europäischen Nationalisten sympathisiert und sich gegen den Liberalismus stellt.  

NZZaS: Was sind die Folgen aus alledem?

Robert Kagan: Die Situation ist alarmierend. Derartige Konflikte in der transatlantischen Partnerschaft sind neu. Wir hatten auch früher Meinungsverschiedenheiten, doch die Qualität der Konflikte ist jetzt anders. Das ganze System könnte kollabieren. Und ich weiss nicht, wie dies zu verhindern ist. Ich kann den Europäern nur raten: Stärkt die liberalen demokratischen Institutionen.

Am 21. Januar 2019 spricht Robert Kagan am GDI darüber, wie die Weltpolitik wieder zum wilden Dschungel wird. Zusammen mit Wirtschaftsgrösse Lord Adair Turner ist er Gast an der Abendveranstaltung «Robot Capitalism and The Coming World Disorder».