Religionen: Die Schweiz tickt anders

01.06.2016

Wieso wird die Welt immer religiöser? Und warum wächst der Islam in Europa möglicherweise stärker als angenommen? Pew-Religionsforscher Cooperman hier im Interview – und am 13. Juni 2016 am GDI.

Sie untersuchen, wie sich die Religionen bis 2050 quantitativ entwickeln werden. Wieso sind solche Studien wichtig?
Demografische Vorausberechnungen haben zwei Funktionen: Mit ihnen kann man die Zukunft planen und die Gegenwart verstehen. Solche Berechnungen können Städteplanern, Führungskräften, religiösen Führern und vielen anderen, für die Zukunftsplanung wichtig ist, ein gutes Gespür dafür geben, welche Gesellschaftsgruppen wachsen oder schrumpfen werden. Sie zeigen ungefähr, wie gross dieser Wandel in einigen Jahrzehnten sein wird. Natürlich gehen die Berechnungen davon aus, dass sich heutige Trends gleichmässig weiterentwickeln. Das zwingt uns, aktuelle Trends sehr genau zu beobachten. So gewinnen wir auch wertvolle Einblicke in das aktuelle Weltgeschehen.

Welche grossen Veränderungen stehen Europa bevor? Und wie beschreiben Sie diese im Vergleich zu den USA und dem Rest der Welt?

Europa ist die einzige Region der Welt, in der wir in den kommenden Jahrzehnten einen Bevölkerungsrückgang erwarten. Verantwortlich dafür sind tiefe Geburtenraten und eine alternde Bevölkerung. 2050 wird Europa etwas weniger als 700 Millionen Einwohner haben, verglichen mit etwa 734 Millionen im Jahr 2010. Diesen Rückgang wird es vermutlich trotz Migrationsbewegungen aus anderen Erdteilen geben. Wir nehmen an, dass bis 2050 mehr als 20 Millionen Migranten einwandern. Ohne Zuwanderung würde die europäische Bevölkerung noch schneller schrumpfen – bis etwa auf 672 Millionen Menschen im Jahr 2050.

Was hat Sie an Ihren Ergebnissen am meisten überrascht?
Laut verschiedenen Vorhersagen sollen Religionen langsam verschwinden. Aber genau das Gegenteil geschieht: Der weltweite Prozentsatz an Menschen, die nicht religiös sind, sinkt (z. B. Atheisten, Agnostiker oder Personen ohne bestimmte Religion). Das ist für all jene überraschend, die in Ländern wie Grossbritannien, der Schweiz oder den USA leben, wo die Zahl der Nicht-Religiösen steigt. Was wir möglicherweise vergessen: Religiöse Frauen haben im Durchschnitt mehr Kinder als nicht-religiöse. Weltweit gleicht dieser «Fruchtbarkeits-Vorteil» der religiösen Bevölkerungsgruppe die steigende Zahl von Nicht-Religiösen in Europa und Nordamerika mehr als aus.

Sie rechnen auf Basis demografischer Daten die globalen Entwicklungen für 2050 hoch. Inwieweit trägt Ihre Methode unvorhergesehenen Ereignissen wie den globalen Flüchtlingsbewegungen, die wir seit einigen Jahren erleben, Rechnung?
In einem Wort: unvollständig. Migrationsbewegungen können sich aufgrund von Kriegen, ökonomischen Rezessionen, Naturkatastrophen oder politischen Veränderungen sehr schnell und unvorhergesehen ändern. Wir sagen nicht, dass wir die Zukunft voraussehen können. Vielmehr berechnen wir, was passieren wird, wenn die aktuellen Migrationsbewegungen auf dem gleichen Niveau bleiben. Wir können auch schwer abschätzen, welchen Unterschied viel höhere oder viel tiefere Migrationszahlen machen werden. Für Europa rechneten wir ursprünglich übrigens mit kleineren Migrationsbewegungen, als sie jetzt seit der Syrien-Krise der Fall sind. Wenn die heutigen Zuwanderungszahlen in den kommenden Jahren nicht sinken und die Herkunftsländer dieselben bleiben, werden die Grösse der europäischen Bevölkerung und der Anteil Muslime daher über unseren Berechnungen liegen.

Gemäss Ihren Zahlen werden 2050 zehn Prozent der europäischen Bevölkerung Muslime sein. Parallel zur Migration erlebt Europa islamistischen Terror und steigende Xenophobie. Wie wird sich diese Situation bis 2050 entwickeln?
Das können wir grundsätzlich nicht vorhersehen. Demographische Vorausberechnungen sind zwar gültig – aber nur beschränkt. Wir wissen nicht, wie sich die öffentliche Meinung, amtierende Regierungen und religiöse oder politische Ideologien verändern.

Ihre Studie enthält auch Zahlen zur Schweiz. Verglichen mit dem Rest Europas wächst der Islam hier weniger stark. Wieso?
Prozentual betrachtet ist der Schweizer Trend nicht wesentlich anders als der in Europa. 2010 waren geschätzte 5,9 % der europäischen Bevölkerung Muslime. Wir haben berechnet, dass sie im Jahr 2050 10,2 % von Europas Gesamtpopulation ausmachen werden. Die muslimische Gemeinschaft in der Schweiz startet auf einer tieferen Basis: 2010 waren 4,9 % der Schweizer Bevölkerung Muslime. Im Jahr 2050 werden es 7,6 % sein. Natürlich ist die Schweiz ein kleines Land, so dass der geschätzte Zuwachs in absoluten Zahlen viel kleiner sein wird als in Deutschland oder Frankreich.

Im Gegensatz dazu wird die Anzahl nicht-religiöser Schweizer steigen. Welchen Grund sehen Sie dafür?
Hervorragende Frage, aber die Antwort ist kompliziert und nicht ganz eindeutig. Auffallend an der Schweiz ist, dass die Bewegung weg von organisierter Religion über alle Altersgruppen hinweg gleichzeitig zu passieren scheint, also die ganze Gesellschaft umfasst. Soziologen nennen das einen «Periodeneffekt». Diese Entwicklung ist etwas anders als in anderen Ländern. In den USA hängen Generationenunterschiede stark mit Religionszugehörigkeit zusammen: Die Zahl der Religionslosen steigt hier wegen einer wachsenden Anzahl junger Erwachsener, die sich als nicht-religiös bezeichnen. Die Schweiz unterscheidet sich auch von europäischen Ländern wie Österreich, in denen Religionslosigkeit besonders unter jenen Menschen ausgeprägt ist, die in die Berufswelt einsteigen und zum ersten Mal Geld verdienen.

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