R-Design, oder wie unser Alltag Corona-sicher wird

Aus dem Kampf gegen Corona wird ein Leben mit Corona. Ein neuer Lebensstil entsteht. Damit Konzerte, Messen, Fussballspiele wieder stattfinden können, müssen Veranstalter und Wirtschaft auch unbeliebte Massnahmen treffen, schreibt GDI-Researcher Detlef Gürtler.

R-Design

R < 1. Nur wenn R, die Ansteckungsrate des Coronavirus, unter 1 bleibt, nur wenn jeder neu Infizierte im Schnitt weniger als eine weitere Person ansteckt, kann COVID-19 so lange beherrschbar bleiben, bis ein Impfstoff gefunden ist. Das wird derzeit noch vorwiegend als Aufgabe von Politik (Lockdown) und Gesellschaft (#stayathome) gesehen. Aber gerade wenn es sich um eine mittel- bis langfristige Herausforderung handelt, wird es auch eine Aufgabe für die Wirtschaft. Ihre Produkte, ihre Prozesse, ihre Technologien, ihre Geschäftsmodelle können dazu beitragen, das Verbreitungsrisiko zu reduzieren. Und damit kann sie für uns alle den Spielraum vergrössern, um einen neuen, lebenswerten Lebensstil zu finden.

Das ist eine Design-Aufgabe. Ein R-Design sozusagen. Das ist natürlich am ehesten in der äusseren Form zu bemerken – mit Designer-Schutzmasken, Social-Distancing-Picknickdecken oder Abstands-Apps, die warnen, wenn man sich zu nahe kommt. Aber die eigentlichen Designaufgaben gehen tiefer. Zum Beispiel zu berührungsfreien Türen in Büros, Läden, Ämtern, Toiletten. Wo kein Knopf und keine Klinke, da auch kein Risiko, durch deren Berührung infiziert zu werden. Oder zum Schaffen von Freiräumen: zwischen Tischen im Restaurant, zwischen Zuschauern im Stadion. Wenn die Fussball-Ligen unter der Bedingung wieder starten dürften, dass jeder zweite Sitzplatz frei bleiben müsste: Würden sich Vereine und Fans darauf einlassen? Vermutlich.

Ein neues R-Design ist insbesondere für diejenigen Branchen notwendig, denen sonst die (fast) völlige Zerstörung droht. Messe- oder Konzertveranstalter beispielsweise. Das kann über Begrenzung der Besucherzahl gehen, über flächendeckende Tests oder über neue Technologien. Etwa indem in den Messeausweis ein Sensor eingebaut wird, der jede Bewegung des Besuchers während der Messe registriert. Stellt sich ein Besucher hinterher als infiziert heraus, lässt sich aus allen Bewegungsprofilen noch im nachhinein feststellen, wer sich wie lange in der Nähe des Infizierten aufgehalten hat. Das klingt nicht angenehm – aber wiederum: Wenn eine Messe nur unter der Bedingung stattfinden dürfte, dass jeder Besucher einen solchen Sensor trägt, würden sich sowohl der Veranstalter als auch die Teilnehmer wohl darauf einlassen.

Beim R-Design geht es darum, ein Gleichgewicht zwischen Virulenz und Resilienz zu finden. Und dafür stellen sich viele Fragen, die so noch nie gestellt wurden. Wie macht man seine Wertschöpfungskette Corona-sicher? Wie kann man alle Rohstoffe und Produkt-Komponenten transparent zurückverfolgen, um für den Fall gerüstet zu sein, dass etwas schrecklich schief geht? Wie kann ein Lieferservice das Risiko verringern, dass seine Fahrer von den Kunden infiziert werden – und umgekehrt? Wie kann man die Luft im Aufzug filtern oder desinfizieren?

Es ist klar, dass es noch keine Antworten auf diese Fragen gibt, so frisch wie diese Krise ist. Aber ebenso klar ist, dass diejenigen profitieren werden, die die ersten gute Antworten geben können. Die jetzt damit beginnen, ihre Prozesse und Produkte zu R-designen.

 

Ein ungekürzte Version dieses Textes erschien am 10. April 2020 in «Das Magazin».