Push- und Pull-Faktoren – wie Staat, Markt und Zivilgesellschaft Aufgaben verteilen

Welche Aufgaben werden vom Staat, vom Markt oder von der Zivilgesellschaft übernommen? Eine Grafik aus der Studie «Die neuen Freiwilligen» macht einen Vorschlag.

Dieser Text basiert auf einem Auszug aus der Studie «Die neuen Freiwilligen» des GDI, die auf unserer Website kostenlos bezogen werden kann.

Alle drei Akteure – Staat, Markt und Zivilgesellschaft – übernehmen gewisse Aufgaben in unserer Gesellschaft. Gründe, wieso manche Aufgaben übernommen werden (Pull-Faktoren), bzw. welche abgegeben werden (Push-Faktoren), werden im Folgenden erläutert. Zudem werden in einer Infografik die Ursachen der Aufgabenverteilung illustriert.

Staat – Pull-Faktoren

  • Sicherheitsbedrohung: Ist Leib und Leben bedroht, muss schnell gehandelt werden. Diese Aufgaben übernimmt deshalb der Staat. Beispiel: die staatliche Koordination von Hilfsarbeiten bei Naturkatastrophen.
  • Politischer Opportunismus: Worum sich der Staat kümmert, hängt auch von Politikern ab, die meist wiedergewählt werden wollen. Die Angst vor Terrorismus beispielsweise ist ausgeprägter als die Angst vor Verkehrsunfällen, obwohl der Verkehr viel mehr Opfer fordert. Der Kampf gegen Terrorismus hat deshalb in vielen Staaten hohe Priorität, die Reduzierung von Verkehrsopfern steht weiter unten auf der Liste.
  • Sozialer Ausgleich: Der Staat sorgt dafür, dass alle Bürger einen minimalen Lebensstandard geniessen. Schulbildung und medizinische Versorgung sind deshalb vom Staat geregelt.

Staat – Push-Faktoren

  • Kosten: Ist eine Aufgabe für den Staat zu teuer, wird diese oft abgegeben. Beispiel: Privatisierungen des öffentlichen Nahverkehrs.
  • Neuigkeit: Was neu ist, kann vom Staat schlecht reguliert werden. Das zeigt sich im Umgang mit Kryptowährungen wie Bitcoin, die derzeit Finanzämter und Juristen weltweit Kopfschmerzen bereitet.

Markt – Pull-Faktoren

  • Knappheit: Nur was knapp ist, kann gehandelt werden. Die Betreuung pflegebedürftiger Pensionäre war lange Zeit Sache der Familie. Erst als sie die Betreuung nicht mehr selbstverständlich übernahm, entstand Knappheit. Die Betreuung wurde unter anderem vom Markt übernommen.
  • Kommerzialisierbarkeit: Nur was verrechenbar ist, kann gehandelt werden. Mit GPS-Trackern im Handy kann jede und jeder als Taxi fungieren. Die Strecke ist nun auch ohne Taximeter genau verrechenbar.

Zivilgesellschaft – Pull-Faktoren

  • Wirksamkeit: Akteure der Zivilgesellschaft übernehmen Aufgaben, wenn sie damit tatsächlich etwas bewirken können. Ein Eintrag auf Wikipedia hat Millionen potenzieller Leser. Man kann damit die Welt erreichen.
  • Zugänglichkeit: Je einfacher sich eine Handlung durchführen lässt, desto eher wird sie von der Zivilgesellschaft ausgeführt. Online-Volunteering erlaubt ein Engagement, das zuvor nicht möglich war, und wird zum Beispiel bei Citizen Science rege genutzt.
  • Flexibilität: Die Zivilgesellschaft übernimmt eher Aufgaben, die Flexibilität erlauben. Zwei Tage lang bei einem Festival zu helfen, schränkt die eigene Flexibilität nicht sehr stark ein. Die Betreuung von Kindern oder älteren Menschen verlangt hingegen Regelmässigkeit.
  • Freiräume: Um sich freiwillig engagieren zu können, braucht es Freiräume. Durch die Wiedervereinigung konnten in Berlin sehr viele Freiräume genutzt werden, in denen sich Gemeinschaftsgärten und urbane Kultur entfalten konnten.
  • Vertrauen: Vertrauen zum Umfeld ist Voraussetzung dafür, dass sich Menschen füreinander einsetzen. Fehlt Vertrauen, müssen mehr zwischenmenschliche Transaktionen vertraglich geregelt werden.
  • Normen: In den USA ist Volunteering viel stärker als kulturelle Norm verankert. Deshalb leisten bereits Schulklassen häufig Freiwilligenarbeit.

Zivilgesellschaft – Push-Faktoren

  • Komplexität: Aufgaben müssen einfach genug sein, damit sie die Zivilgesellschaft durchführen kann. Die wachsende Komplexität moderner Medizin etwa führte deshalb dazu, dass medizinische Aufgaben vermehrt an Staat und Markt abgegeben werden mussten.
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