Pratt: «Araberinnen schaffen ihren eigenen Feminismus

25.05.2016

Die englische Soziologin Nicola Pratt erklärt im Interview mit dem «GDI Impuls», wie sich der arabische Feminismus im Gewirr von politischen Umwälzungen und interkulturellen Vorurteilen behaupten und verändern kann.

Dies ist ein Auszug eines Artikels aus dem «GDI IMPULS». Den gesamten Artikel kaufen Sie hier.

Interview: Detlef Gürtler

Sie sehen […] 1967 als Wendepunkt für die arabischen Gesellschaften – wie 1968 ein Wendepunkt für die europäischen Gesellschaften war, aber auf eine ganz andere Art und Weise?
Ja. Allerdings auf zwei verschiedene Arten. Unter den neuen politischen Gruppierungen, die nach 1967 die arabischen Regierungen herausforderten, waren nicht nur islamische – auch säkulare Gruppen, Linke und Nationalisten, wollten das System reformieren, politisch, ökonomisch und sozial.

[…]

Aber es war auf jeden Fall eine linksgerichtete Bewegung und oft mit dem Thema Palästina verbunden.
Ja, denn der Palästina-Konflikt galt als eklatantestes Beispiel des westlichen Imperialismus in der Region, mit Israel als Vasallen- oder Kolonialstaat. Diese Bewegung wurde von den eigenen Regierungen unterdrückt: Oft wurden von oben islamische Gruppen als Gegengewicht unterstützt, um die Popularität von linken und säkularen nationalistischen Gruppen zu reduzieren. Und da dies zur Zeit des Kalten Krieges geschah, beteiligten sich auch westliche Regierungen an dieser Strategie, weil sie an einem Gegengewicht gegen die kommunistische Bedrohung interessiert waren.
In der westlichen Welt entstand aus der Rebellion von 1968 eine neue Frauenbewegung.
In den arabischen Ländern auch. Frauen engagierten sich in den neuen politischen Gruppen, und viele stellten fest, dass innerhalb der Bewegung eine Doppelmoral existierte. Sie machten die frustrierende Erfahrung, dass feministische Ziele immer wieder hinter dem zurückstehen mussten, was die Führer der Bewegungen als die drängendsten Probleme sahen, etwa dem Kampf gegen Imperialismus oder Diktatur. Aus dieser Erfahrung entstand eine neue Art von arabischem Feminismus.

Eine neue Art von arabischem Feminismus? Also gab es auch eine alte Art?
In der Tat. Bereits vor 1967 gab es Frauen, die für Frauenrechte kämpften. Sie engagierten sich grösstenteils nicht direkt in politischen Organisationen, da das damals für Frauen als unschicklich galt. Öffentliches Handeln fand zu dieser Zeit vorwiegend in Wohltätigkeitsorganisationen statt; aber einige Frauen engagierten sich auch für das Frauenwahlrecht und gegen einige Aspekte des Familienrechts, die Frauen besonders benachteiligten. Nach 1967 mischten sich arabische Feministinnen viel radikaler in die Politik ein. Sie brachten Themen wie die Rechte der Frauen in der Privatsphäre auf, wie etwa häusliche Gewalt – das hatte es vorher in der Region nicht gegeben.

[…]

Können wir etwas tun, um die Rechte der Frauen in den arabischen Gesellschaften zu stärken? Und sollten wir das tun?
Wenn Sie an direkte Interventionen denken, also die Unterstützung der Frauenrechte in der arabischen Welt durch die westlichen Regierungen: Tun Sie es nicht. Die Geschichte hat gezeigt, dass arabische Frauen in der Lage sind, sich ihren eigenen Feminismus und ihre eigene Bewegung zu schaffen. Der Westen muss nicht eingreifen, wenn arabische Frauen selbst in der Lage sind, dies zu tun.

Und sind die arabischen Frauen dazu wirklich in der Lage?
Für mich war es faszinierend, zu sehen, was von 2011 bis 2013 in Ägypten passiert ist. Es gab ein hohes Mass an Aktivismus, viele ganz normale Ägypter beteiligten sich an Initiativen aller Art – auch viele junge Frauen, die sich zuvor in keiner Weise bei den etablierten Frauenrechtsgruppen engagiert hatten. Sie stritten für mehr Rechte für Frauen in der Verfassung, und sie wurden aktiv gegen sexuelle Gewalt, insbesondere gegen die schrecklichen Angriffe gegen Demonstrantinnen, die 2012 und 2013 geschahen. Dieser Anstieg des feministischen Aktivismus in Ägypten geschah spontan und organisch: Junge Frauen sahen, dass ihre Rechte in Gefahr waren, und sie wurden aktiv, um sie zu verteidigen. Also sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben: Die Frauenbewegung in den arabischen Ländern regeneriert sich immer wieder – nicht zuletzt aufgrund eines Generationenwechsels.

Nicola Pratt lehrt International Politics of the Middle East an der Universität Warwick. In ihrer mehr als fünfzehn Jahre währenden wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Nahen Osten liegt der Fokus auf Demokratie, Menschenrechten sowie dem Einfluss von Krieg und Besetzung auf Frauen.