Pflichtlektüre! GDI-Lesetipps mit Marta Kwiatkowski

31.07.2015

Anleitungen zum News lesen, Firmen organisieren und In-Vitro-Fleisch kochen: Buchempfehlungen für den Sommer von GDI-Forscherin Marta Kwiatkowski.

Alain de Botton: The News. A User’s Manual
Ferien unterscheiden sich auch deshalb vom Alltag, weil wir die Tageszeitung auch mal ungelesen lassen. Da erscheint es gerade richtig, die ruhigere Zeit zu nutzen, um über unseren eigenen Newskonsum nachzudenken. News adressieren einen Bias der heutigen Gesellschaft für Neuigkeiten: Wenn etwas neu ist, muss es auch wichtig sein. In seinem aktuellen Buch argumentiert Alain de Botton, weshalb die heutige Form der Berichterstattung über das Tagesgeschehen in Politik und Wirtschaft bis hin zu Celebrities und Kulturrezensionen uns nicht wirklich weiterbringt. Die Welt, so der Autor, sei viel grösser als ihre einzelnen Fakten und müsse in Zusammenhängen gesehen werden. Wir werden zwar ständig und live mit Fakten überschwemmt, jedoch mit wenig Wissen. Wir konsumieren Informationen, können sie aufgrund der schieren Menge aber nicht in den übergreifenden Kontext setzen – und vergessen sie dadurch schnell wieder. Journalisten sollten deshalb mehr wie Bibliothekare arbeiten, indem sie Facts und Neuigkeiten in kontextualisierte Kategorien einordnen und damit Zusammenhänge aufzeigen. Den Lesern rät de Botton, öfters mal bewusst Abstand zu nehmen und für sich den grösseren Kontext zu suchen.

Frederic Laloux: Reinventing Organizations. A Guide to Creating Organizations
Inspired by the Next Stage of Human Consciousness

Die Fähigkeit des Menschen sich zu organisieren hat uns über Generationen zu Fortschritt und Wohlstand verholfen. Doch heute scheinen gerade grosse Organisationen den Herausforderungen der Zukunft nicht mehr gewachsen. Mit vielen hierarchischen Ebenen ersticken sie mehr in Prozessen, verstricken sich in interner Politik und verschwenden Zeit in Meetings. Dabei verpassen sie die eigentliche Marktorientierung. Frederic Laloux erklärt Unternehmens-Strukturen mit einem CEO an der Spitze für überholt und nicht mehr den Anforderungen der digitalen Gesellschaft gewachsen. In historischer Herleitung erklärt er, wie uns unser menschliches Bewusstsein zur Weiterentwicklung von Organisationen verhilft. Dafür hat er zwölf Unternehmen untersucht und als anzustrebende Struktur die sogenannte Teal-Organisationen eingeführt und deren Erfolgsfaktoren beschrieben. Darunter sind die Relevanz von Vertrauen, die Fähigkeit zur Selbstorganisation und die Wichtigkeit holokratischer Entscheidprozesse. Das Buch bietet Laloux übrigens selbstbewusst gratis zum Download an. Nach einem Monat appelliert er mit dem «Pay what feels right»-Ansatz an unser Gewissen. Und auch das scheint zu funktionieren: Mancher zahlt wohl nach überzeugter Lektüre gerne mehr als für die Hardcopy im Vorfeld.

Shumon Basar, Douglas Coupland, Hans Ulrich Obrist: The Age Of Earthquakes. A Guide to Extreme Present
Angelehnt an Marshall McLuhans Zitat «The medium is the message», präsentieren Basar, Coupland und Obrist ihre Interpretation des digitalen Zeitalters: Eine Aufforderung an die Leser, über die Effekte von Digitalisierung und Big Data nachzudenken, die auch die ewige Frage nach der eigenen Identität anrührt. Dabei hinterfragen die Autoren die Relevanz der individuellen Identität und proklamieren das grössere Ganze – die Singularität. Das Buch folgt keinem eigentlichen Narrativ und ist mehr eine dosierte Injektion von Facts und Gedankenspielen, Fragen und Wortkreationen der Zukunft. Eine lohnende Lektüre, auch wenn sie im Web umgesetzt irgendwie authentischer wirken würde.

Next Nature Lab, The In Vitro Meat Cookbook
Halb Fiktion, halb Wissenschaft: Das «The In Vitro Meat Cookbook» bietet Geschichten und Rezepte für morgen. In den vergangenen 50 Jahren hat sich unser Fleischkonsum mehr als vervierfacht. Negative Nebenerscheinungen sind dadurch förmlich explodiert: Monokulturen zum Anbau von Tierfutter, massive Umweltbelastungen, exorbitanter Energieverbrauch. Ob Fleisch aus dem Labor die Alternative ist und das menschliche Bedürfnis nach gebratenem Fleisch zu befriedigen vermag, entscheidet nicht zuletzt die gesellschaftliche Akzeptanz. Wir benötigen auch einen Kulturwandel, damit sich solche Produkte gesellschaftlich durchsetzen können. Und was läge in unserer Foodie-Kultur näher als ein Kochbuch? Mehr Coffee-Table-Book als Literatur, bietet «The In Vitro Meat Coobook» reich illustriert Rezepte aus der Zukunft und experimentiert mit unserer Vorstellung von Esskultur.