Pflichtlektüre! GDI-Lesetipps mit David Bosshart

23.06.2015

Ein antidisziplinärer Physiker, ein wiederentdeckter Intellektueller und und ein unterschätztes Organ: «Wer neue Perspektiven gewinnen will, soll diese Bücher lesen», sagt GDI-Direktor David Bosshart. Der Start zur GDI-Sommerserie.

César Hidalgo. Why Information Grows.
Makroökonomische Bücher über Wachstum bringen kaum neue Perspektiven. Der Blick eines antidisziplinären MIT-Physikers aber ist erhellend und bringt frische Ideen: Statt Kapital und Arbeit rücken Information, Energie und Materie in den Fokus, um Wachstum zu erklären. Was wir mit Informationen machen, wie wir Verschiedenheit, Vernetzung, und Imagination zulassen und weitertreiben bringt einen «Product Space», der mehr Komplexität und Innovation zulässt (oder nicht). Man kann die Evolution nicht fälschen oder einzelne Schritte überspringen – Wachstum ist «path dependent», und Hot-Spots des Wachstums kann man nicht einfach klonen mit viel Geld.


 

Albert O. Hirschman: The Essential Hirschmann.
Einer der scharfsinnigsten Beobachter des letzten Jahrhunderts bekommt wieder mehr Beachtung. Das Buch vereint eine Reihe der wichtigsten Essays von Hirschmann (1915-2012), wie The Passions and the Interest, The Rhetoric of Reaction, oder natürlich Exit, Voice, and Loyalty: Alles Reibflächen gegen überkommene Vorstellungen und Einschätzungen, wie Wirtschaft und Politik sich verändern könnten. Hirschman war nicht nur ein Intellektueller und Akademiker, sondern ein engagierter Beobachter, dem das Mögliche und die Leidenschaft wichtiger war als die Disziplin und das Konventionelle. Er engagierte sich im spanischen Bürgerkrieg gegen Franco, mit der französischen Armee gegen die Nazis, nach 1943 im Einsatz für die US Armee. Er arbeitete auch für die Federal Reserve, die Weltbank und den Marshall Plan, bevor er an den berühmtesten Universitäten lehrte.

 
Giulia Enders: Darm mit Charme
Die junge Forscherin (Jahrgang 1990) arbeitet am Institut für Mikrobiologie und Krankenhaushygiene in Frankfurt. Sie zeigt einerseits, wie die medizinische Forschung die Funktion des Darms unterschätzt. Wir sind stolz auf unser leistungsfähiges Gehirn, sehen aber nicht die komplexen Abhängigkeiten in der Interaktion von Darm und Gehirn. Die Untersuchung zeigt andererseits auf sehr lustvolle Art, was der Darm alles anrichten kann bezüglich Ernährung, Wohlbefinden und Stress. Wir lernen aber auch Rückschlüsse auf unser Entscheidungsverhalten. Der Stellenwert des «gut feelings», des Bauchgefühls für unser Entscheidungsverhalten erhält nun nach den beispielhaften Forschungen von Gerd Gigerenzer (Bauchentscheidungen: die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition) eine weitere interessante Dimension. Selten gelingt es, komplexe und ernsthafte Themen besser zu vermitteln.