Peter Gloor: Algorithmen identifizieren heute Ideologien

MIT-Forscher Peter Gloor hat eine «Tribefinder»-Software entwickelt, die es erlaubt, Ideologien zu identifizieren. Der Tribefinder kategorisiert auf Basis der verwendeten Begriffe in Twitter. Welchem Tribe englischsprachige Medien angehören, zeigt die erste Analyse.

Grafik TL17 Gloor GDI

Zu den aktuellen Tests für künstliche Intelligenzen gehört es, inwieweit Algorithmen und Maschinen in der Lage sind, Menschen beziehungsweise menschliches Verhalten erkennen und analysieren zu können – etwa bei der automatischen Gesichtserkennung. Die vom MIT-Forscher Peter Gloor entwickelte «Tribefinder»-Software versucht, aus den von einem Twitter-Account produzierten Texten auf die politische Einstellung derjenigen Person oder Institution zu schliessen, die für diesen Account verantwortlich ist. Am Gottlieb Duttweiler Institut wurde getestet, inwieweit diese Software die ideologische Orientierung von angelsächsische Medien erkennen kann.

Die dem GDI zur Verfügung gestellte Beta-Version der Tribefinder-Software geht von vier ideologischen Grundpositionen aus:

Spiritualisten: Sie vertrauen auf ihren Glauben, und sie glauben an höhere Wesen und ewige Werte. Sie finden Kraft in der Kontemplation, und ihr Verhalten wird vom Karma beeinflusst.

Nerds: Sie glauben, dass Fortschritt, Wissenschaft und Technologie ein Segen sind. Sie wollen den Tod überwinden und den Mars kolonisieren. Sie sind Fans der Globalisierung und vernetzen sich in Davos.

Treehugger: Sie glauben an die Grenzen des Wachstums und an den Schutz der Natur. Sie stellen einige Elemente des technologischen Fortschritts in Frage (z.B. Genmanipulation) und befürworten andere (z.B. alternative Energien).

Vaterländer: Sie glauben an Gott und Heimat, und sie sind überzeugt, dass ihre Heimat die beste ist. Sie klammern sich an die guten alten Zeiten, schätzen die Idee der Familie und haben wenig für Ausländer übrig.

Die Software ordnet diesen vier Grundpositionen Begriffe zu, die besonders häufig von Vertreten der jeweiligen Orientierung verwendet werden – etwa «Meditation» bei den Spiritualisten, «cool» bei Nerds, «nachhaltig» bei Treehuggern oder «Ehre» bei Vaterländern. Aus der Auszählung der jeweiligen Worthäufigkeiten in den Tweets eines Accounts ergibt sich ein Score für jede dieser Positionen, wobei alle zusammengezählt 100 Prozent ergeben.

Um die Treffsicherheit des Tribefinder-Algorithmus zu prüfen, griff das GDI auf einen Chart der politischen Position von 80 angelsächsischen Medienmarken zurück, der im September 2015 von Journalist Robert Mariani erstellt wurde.

Mariani Matrix

Mariani ordnet diese Medien in eine 4-Felder-Matrix ein, wobei die x-Achse die Position im Links-Rechts-Spektrum beschreibt, während die y-Achse die Tonalität des Mediums beschreibt – von «dezent» bis «wahnsinnig». Entsprechend ergeben sich die vier Quadranten:

4 Felder

Das GDI Gottlieb Duttweiler Institute hat die von Mariani vorgenommene Einordnung weder überprüft noch korrigiert noch sich zu eigen gemacht. Sowohl das GDI als auch andere Personen oder Institutionen würden im Einzelfall sicherlich zu anderen Einordnungen kommen. Der Ausschlag gebende Vorteil der Mariani-Matrix für diese Untersuchung besteht darin, dass es sich um eine Vorgabe handelt, die nicht von den an der Tribefinder-Untersuchung beteiligten vorgenommen wurde – womit ein Bias, und sei er unbewusst, verhindert wird.

Die Twitter-Accounts der aufgeführten Medienmarken wurden dann (sofern vorhanden) durch die Tribefinder-Software bewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass Algorithmen heute bereits in der Lage sind, Ideologien zu identifizieren:

Die fünf Medienmarken mit den höchsten «Vaterländer»-Werten gehören sämtlich zur Gruppe «rechts / wahnsinnig»: Daily Signal, Infowars, American Thinker, NRO, World Net Daily.

Medientabelle

8 der 10 Medien mit den niedrigsten «Treehugger»-Werten sind auf der rechten Seite der Matrix positioniert.

Medientabelle2

Die Werte zu den beiden verbleibenden Orientierungen, Nerd und Spiritualist, zeigten keine signifikanten Abweichungen in der Mariani-Matrix. Auch dies ist ein plausibles Ergebnis der automatisierten Ideologieerkennung, da diese Matrix vor allem die Positionierung im Links-Rechts-Spektrum wiedergibt; und dabei weichen eben insbesondere die Positionierung der Treehugger (nach links) und der Vaterländer (nach rechts) deutlich von der Mitte ab.

Von einer hundertprozentig korrekten Ideologieerkennung kann bei der hier verwendeten Tribefinder-Software sicherlich noch keine Rede sein. Eine ungefähre Vorsortierung der Inhalte einzelner (englischsprachiger) Twitter-Accounts ist jedoch heute schon möglich. Dies ist insbesondere beim Kontakt mit bislang völlig unbekannten Medien hilfreich, um Hinweise auf einen potenziellen Bias des betrachteten Accounts zu erhalten. Perspektivisch könnte auf diese Weise die Gatekeeper-Funktion, mit der bislang Medien den Informationsstrom kanalisieren und vorsortieren, von einem Algorithmus übernommen werden.

Dieser Text erschien am 11. Januar 2018 auf globalinfluence.world.