Parag Khanna: Was die Welt von der Schweiz lernen kann

Obamas ehemaliger Strategieberater Parag Khanna hat die Erfolgsfaktoren für Staaten im 21. Jahrhundert untersucht – und ist beim Vorbild Schweiz gelandet. Was Grossnationen wie die USA oder China von uns lernen können, erklärt Khanna im aktuellen «GDI Impuls».

Dies ist ein Auszug eines Artikels aus der Ausgabe 2.16 des Wissensmagazins «GDI Impuls».
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Interview: Detlef Gürtler

Herr Khanna, die Schweiz schneidet bei Ihnen als einer der am besten für das 21. Jahrhundert gerüsteten Staaten ab. Was haben beziehungsweise was machen wir denn, was andere nicht machen?
Sie haben ein sicheres Land, Sie haben ausgezeichnete Infrastrukturen, und Sie sind sehr gut vernetzt, sowohl national als auch international. Diese Tugenden zeichnen die erfolgreichsten Länder der Welt aus: sicher, aber keine Festung, offen für Handel, Investitionen und Umweltschutz. «Secure connectiveness», sichere Konnektivität, ist mein Begriff für diese Erfolgsfaktoren.

Offenheit und Sicherheit lassen sich allerdings nicht gleichermassen maximieren, wie sich bei praktisch jedem politischen Konflikt erneut zeigt.
Natürlich nicht – es muss hier jeweils eine Balance zwischen diesen Werten geben. Und die Schweiz ist sehr erfolgreich darin, einen Ausgleich zwischen Strömen und Reibung herzustellen. Sie ist in hohem Mass an der Dynamik der Weltwirtschaft beteiligt und zugleich erfolgreich darin, die Reibung in Grenzen zu halten, etwa bei Migration und Drogenhandel. Nur mit einer solchen Balance kann eine führende Position in der Welt gehalten werden.

Wer liegt denn ausser der Schweiz noch vorn in Ihrem Ranking?
Es sind in der Regel kleinere Länder mit offenen Volkswirtschaften, guter Qualität der Infrastruktur und des Bildungssystems. Ebenfalls hilfreich ist die Fähigkeit, komplexe Produkte herzustellen, die nicht so einfach kopiert werden können. Hier schneiden in der Schweiz vor allem die Chemie- und die Uhrenindustrie gut ab.

«Small is successful?» Wenn es das Erfolgsrezept im 21. Jahrhundert ist, klein zu sein, was passiert dann mit den grossen Ländern? Jenen Ländern, die 200 Millionen Einwohner haben, wie Brasilien, oder 300 Millionen, wie die USA, oder gar mehr als eine Milliarde wie China oder Indien? Werden sie alle zerfallen?
Das nun nicht gerade. Aber sie müssen etwas werden, was die Schweiz schon ist: ein Städte-Staat.

Auf Landkarten sieht die Schweiz eher wie ein Berge-Staat aus ...

Ökonomisch aber ist sie ein Städte-Staat – eine Ansammlung von erfolgreichen, blühenden Städten, die in einem Netzwerk sehr gut zusammenarbeiten. China ist in einer ähnlichen Richtung unterwegs. Wir haben zwar meist eine Segmentierung vor Augen, die der politischen Gliederung in um die dreissig Provinzen entspricht, aber China entwickelt sich immer mehr zu einer Ansammlung von 25 Megacitys. Jeder dieser Stadtgiganten hat eine sehr starke Binnenwirtschaft, jeder ist eng mit seinem Umland verflochten, aber auch mit den anderen Megacitys vernetzt, durch Kommunikations- und Transportinfrastruktur. Und jede dieser Metropolen hat ihre eigenen, vielfältigen internationalen Verbindungen. Auch für die Vereinigten Staaten wäre es Erfolg versprechend, zu den Vereinigten Städte-Staaten von Amerika zu werden.

Also die jetzige Gliederung in fünfzig Bundesstaaten abzuschaffen ...
... und durch ökonomische Grossregionen mit starken urbanen Zentren zu ersetzen. Entsprechend der sehr diversifizierten Geografie der USA sehe ich dabei sieben Grossregionen und etwa fünfzehn Megastadt-Räume: von Los Angeles im Südwesten über Seattle/Portland im Nordwesten bis Miami/Orlando im Südosten, vom Texas-Dreieck mit Dallas, Houston, Austin im Süden bis zur Megapolis im Nordosten zwischen Boston und Washington.

Eine solche neue Struktur würde in den USA die Machtfrage stellen. Herrschen dann die Bürgermeister dieser Megastädte über deren Einwohner? Oder doch weiterhin der Präsident des Landes? Oder eine erst noch zu gründende neue Institution? Und wie findet die Machtverschiebung statt? Doch wohl nicht mit einem Bürgerkrieg zwischen dem Bürgermeister von Boswash und dem Präsidenten der USA?
Mein Begriff für den Ablauf dieser Machtverschiebung ist Devolution. Städte und Provinzen wollen mehr Kontrolle über ihr eigenes Budget haben, sie wollen über ihre Ausgaben genauso selbst entscheiden wie über ihre internationalen Beziehungen. Das passiert bei Regionen, die sich von einem Staat abspalten wollen, wie Schottland, Katalonien oder Venetien. Es passiert auch bei der Fragmentierung grösserer Länder, siehe Süd-Sudan, Osttimor, Palästina oder Kurdistan. Und es passiert innerhalb von stabilen Gesellschaften, wenn Stadtverwaltungen wie in Los Angeles oder Seattle ihren Beitrag zu den Bundessteuern reduzieren und die lokalen Steuereinnahmen erhöhen wollen.

Der Versuch des Bürgermeisters von Los Angeles, mehr Geld in der Stadtkasse zu haben, ist so etwas Ähnliches wie die Unabhängigkeitsbewegung der Katalanen?
Nein, weil die territoriale Integrität der Vereinigten Staaten nicht gefährdet ist – und weil die Auswirkungen für den Rest des Landes sehr unterschiedlich sind. Wenn Katalonien sich von Spanien abspaltet, macht es dadurch Spanien ärmer. Aber ein grösserer finanzieller Spielraum für den Bürgermeister von Los Angeles macht Amerika reicher – weil Los Angeles in den USA bleibt.

Dennoch stellt sich jedes Mal, wenn der Zentrale Macht oder Geld genommen wird, die Frage, wofür man die Zentrale überhaupt noch braucht. Könnten so im Laufe der Zeit Ihre Städte-Staaten das Konzept des Nationalstaates überflüssig machen?
Theoretisch: ja. Praktisch stellt die Zentralregierung nach wie vor das infrastrukturelle Rückgrat für die gesamte Nation zur Verfügung. Auf zentrale Netzwerke wie Ölpipelines, Eisen- und Autobahnen sind alle Städte weiterhin angewiesen, und dafür sind Zentralregierungen unverzichtbar.

Wie eine Welt aus Städte-Staaten aussehen könnte und wo die Gefahren des 21. Jahrhunderts liegen, erfahren Sie in der Ausgabe 2.16 des «GDI Impuls». Den gesamten Artikel kaufen Sie hier.