Outsmarting Smart Contracts

Wann immer bei Verträgen Menschen mit ins Spiel kommen, wird es kompliziert: Sie machen Annahmen und wollen Ausnahmen, sie interpretieren und modifizieren – wie es im analogen Leben eben so geht. Und manchmal manipulieren sie auch – wenn sie es mit einer Maschine zu tun bekommen, erst recht. Den «Smart Contracts» der Blockchain könne nichts Besseres passieren, schreibt Frances Coppola in der aktuellen «GDI Impuls»-Ausgabe.

Dies ist ein Auszug eines Artikels aus der Ausgabe 2.16 des Wissensmagazins «GDI Impuls». Den gesamten Artikel kaufen Sie hier.

Jeder wirtschaftlichen Transaktion liegt ein Vertrag zugrunde. Viele davon sind einfache Vereinbarungen zwischen zwei Parteien mit klaren Bedingungen. In seiner einfachsten Form ist ein Vertrag einfach ein Versprechen: Sie versprechen, mir eine bestimmte Menge Orangen zu liefern, ich verspreche, Ihnen eine bestimmte Menge Geld zu geben. Solange beide Seiten die Vereinbarung verstehen, und weder Machtausübung noch Informationsasymmetrie noch Zwang im Spiel sind, muss keine dritte Partei beteiligt sein: In einer perfekten Welt brauchen Vereinbarungen zwischen «mündigen Erwachsenen» keine Mittelsmänner.

Und genau das sollen «Smart Contracts» erreichen. Keine teuren Anwälte und Mittelsmänner: Die Parteien einer Transaktion einigen sich auf Inhalt und Bedingungen, und sie fixieren den Vertrag als Computercode, den beide sehen und verstehen können. Im «Smart Contracting Protocol» des Unternehmens Ethereum können nicht nur die Beteiligten, sondern die gesamte Gemeinschaft den Vertrag einsehen. Der öffentliche Charakter der Ethereum­ «Smart Contracts» bedeutet, dass sie im Konfliktfall unabhängig überprüft werden können. Zudem führt der Code den Vertrag selbsttätig aus, wenn die Bedingungen dafür erfüllt sind. Alles automatisch.

Smart Contracts können besonders nützlich sein, wenn die Parteien einander nicht vertrauen und geografisch voneinander getrennt sind. Ein Beispiel dafür ist der internationale Handel: Die Art, wie Exporteure mit Kunden Geschäfte abschliessen und sichern, mit denen sie bislang keine Beziehung hatten, hat sich seit dem 14. Jahrhundert nicht wesentlich verändert, als Banken die ersten Akkreditive ausstellten. Diese sind im Wesentlichen das Versprechen eines vertrauenswürdigen Mittelsmanns – der Bank –, den Exporteur zu bezahlen, sobald der Nachweis erbracht wird, dass die Ware geliefert wurde. Das Risiko, dass der Empfänger nicht zahlt, wird damit beseitigt. Allerdings lassen sich die Banken für das Vertrauen bezahlen, und einige von ihnen sind selbst auch nicht so ganz vertrauenswürdig. Könnte darauf verzichtet werden, eine Bank zwischenzuschalten, sollten beide Parteien davon profitieren.

Hier kommt der Smart Contract ins Spiel. Statt eines Bank­Akkreditivs erstellen die Parteien einen Vertrag in ausführbarem Computercode, der die zu liefernden Waren und die Zahlungsbedingungen enthält. Der Empfänger zahlt das Geld auf ein Online­Treuhandkonto ein. Sobald der Nachweis erbracht ist, dass die Ware geliefert wurde, führt der Code automatisch die Zahlung an den Lieferanten aus.

Es gibt da allerdings noch ein kleines Problem: Derzeit können noch keine Zahlungen automatisch von Smart Contracts ausgelöst werden. Aber – hey! – das ist ein technisches Problem, das bestimmt zu gegebener Zeit gelöst werden kann.

Die Nutzung von Online­Treuhandkonten nimmt zu. Vorauszahlung braucht weniger Vertrauen: Der Lieferant sieht, dass seine Zahlung bereits auf dem Konto liegt. Bei einem Online­Treuhandkonto ohne Mittelsmann, dafür mit ausführbarem Computercode, kann sich logischerweise kein Mittelsmann mehr mit dem Geld aus dem Staub machen. Das klingt wie eine gute Idee.

Aber was, wenn die Ware nicht ankommt? Das kann die Schuld des Lieferanten sein oder auch nicht: Bei physischer Lieferung kann immer etwas schiefgehen, Verluste lassen sich nicht ausschliessen. Der Käufer wartet auf seine Ware und wartet, und wartet ... Sein Geld liegt auf dem Treuhandkonto fest, er kann während der Wartezeit also nicht damit arbeiten. Mit einem traditionellen Akkreditiv wäre das nicht passiert.

Treuhandkonten sind also gut für kleinere Transaktionen geeignet, können aber gravierende Liquiditätsprobleme verursachen, wenn sie für grössere Sendungen mit höherem Lieferrisiko eingesetzt werden. Als Alternative zum Treuhandkonto kann mit Sicherheiten gearbeitet werden: Wenn der Käufer nicht zahlt, kann der Verkäufer auf die verpfändeten Vermögenswerte zurückgreifen. Oder eine dritte Partei könnte die Zahlungen gewährleisten.

Bedingte Verträge sind sehr häufig, und sie können sehr komplex sein. Sie benötigen zu­ sätzliche Informationen wie Grundbuchauszüge oder Wertberechnungen für Sicherheiten. Und sie können Dritte beinhalten. Zum Beispiel könnte mein Vater dafür bürgen, dass ich Sie bezahle. Wie würden Smart Contracts damit umgehen? Es müssten dann zwei Verträge geschlossen werden. Der erste zwischen uns: «Sie liefern Orangen, ich liefere Geld», und ein zweiter Vertrag zwischen Ihnen und meinem Vater: «Sie liefern Beweise dafür, dass ich den ersten Vertrag nicht erfüllt habe, er liefert Geld.»

In der Realität sind viele Vereinbarungen noch komplexer. Versicherungen zum Beispiel, insbesondere dort, wo Rückversicherungen mit ins Spiel kommen. Sich von Schleife zu Schleife bis zu demjenigen zurückzuarbeiten, der letztlich die Verantwortung trägt, kann ausserordentlich schwierig sein. Smart Contracts sind derzeit noch weit davon entfernt, diese Komplexität zu bewältigen. Aber das kann noch kommen: In dem Mass, in dem Smart Contracts technisch und ökonomisch von der Nische in den Mainstream fortschreiten, passen sie sich an die Unordentlichkeit menschlichen Handelns an. Einfache Konzepte entwickeln Komplexität – Smart Contracts werden da keine Ausnahme sein. Schliesslich werden sie von Menschen gemacht – und Menschen sind komplexe Wesen. Smart Contracts sollen den Zwang zum Vertrauen aus den Verträgen zwischen Menschen eliminieren. Sie sollen nicht die Menschen eliminieren.

Ja, aber – es gibt da ein grundsätzliches Problem. Denn wenn Verträge komplexer werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Missverständnissen kommt. Smart Contracts können den Zwang zum Vertrauen nur eliminieren, wenn sie auch die Möglichkeit von Missverständnissen eliminieren. Aber ist vollständige Transparenz und Eindeutigkeit eine realistische Perspektive?

Dass die Bedingungen eines Vertrags missverstanden werden, kommt sehr häufig vor. Selbst wenn man das «Kleingedruckte» liest – was viele nicht tun –, kann das, was man meint, dass die Bedingungen bedeuten, sich substanziell von dem unterscheiden, was die andere Partei meint, dass sie bedeuten. Unterschiedliche Interpretationen von Verträgen sind das tägliche Brot der Juristen. Wenn beide Seiten einen Smart Contract abschliessen und sich daran halten, löst das noch nicht das Problem der Interpretation – wie es auch heute passieren kann, obwohl jede Partei eine von beiden Seiten unterzeichnete und von unabhängigen Dritten beurkundete Kopie des gleichen Vertrages in Händen hält. Ich weiss: Sie sehen das Gleiche wie ich. Sie wissen: Ich sehe das Gleiche wie Sie. Trotzdem müssen wir nicht gleicher Auffassung sein, was das bedeutet, was wir sehen. Sie können mich verklagen, wenn ich nicht erfülle, was Ihrem Verständnis nach das Kleingedruckte von mir verlangt; ich kann mich verteidigen, indem ich Ihrem Verständnis ein anderes, meines nämlich, entgegensetze. Möglicherweise kann ein vertrauenswürdiger Mittelsmann unser Problem lösen: ein Schiedsrichter oder Schlichter. Und wenn wir uns gar nicht einigen können, kann eine andere vertrauenswürdige Institution entscheiden: ein Richter oder eine Geschworenen­-Jury.

Wenn wir zu einem System virtueller, smarter Verträge wechseln, die individuell auf die Umstände eines bestimmten Deals angepasst sind: Brauchen wir dann überhaupt noch die­ sen Überbau von Rechtsanwälten, Schiedsrichtern, Schlichtern, Gerichten, Richtern und Geschworenen? Vielleicht könnten wir Gerechtigkeit stattdessen ja crowdsourcen: Wenn jeder in der Online­Community den Vertrag sehen kann, kann jeder darüber abstimmen, wer recht hat. Die Partei mit der höheren Stimmenzahl gewinnt.

Dies setzte natürlich voraus, dass jeder gleichermassen in der Lage ist, computercodierte rechtliche Aussagen zu interpretieren, was nicht unbedingt so sein muss. Zudem verfügen solche Zuschauer, die nicht Partei des jeweiligen umstrittenen Geschäfts sind, nicht über die Hintergrundinformationen, die zu diesem Vertrag geführt haben. Ein rechtsgültiger Vertrag ist das Endprodukt der Verhandlung, nicht der Anfang – unbeteiligte Dritte wissen nicht, worum es in den Verhandlungen ging, was ihre Fähigkeit reduziert, bezüglich der Auslegung des Vertrages als Schiedsrichter zu fungieren. Würde dennoch in der gesamten Community abgestimmt, könnte das Ergebnis extrem unfair ausfallen.

Und dann gibt es ja auch noch missbräuchliche Praktiken wie Stimmenkauf, Zwang oder Betrug. Schliesslich geht es (noch) bei allen Transaktionen oder Verträgen um Menschen, ob direkt oder indirekt. Und Menschen können alle Arten von hinterhältigen Methoden verwenden, wenn ihnen das einen Vorteil bringt. Diejenigen mit den dicksten Brieftaschen und den wenigsten Skrupeln können die meisten Rechtssysteme austricksen. Smart Contracts wären da keine Ausnahme.

Der Schöpfer von Ethereum, Vitalik Buterin, hat für dieses Problem eine Lösung vorgeschlagen: dezentrale Gerichte. Einige nach Zufallsprinzip ausgewählte Personen würden dabei juristische Konflikte mit Smart Contracts schlichten. Moment mal: Ist uns so eine Idee nicht schon einmal irgendwo begegnet? Ja, genau, bei der Auswahl der Geschworenen in einer Jury. Gerade weil es zu Zwang, Stimmenkauf und Bestechung kommen kann, werden Jury­mitglieder nach dem Zufallsprinzip ausgewählt. Die Weisheit der Massen kann gekauft werden.

Mehr über die Grenzen der Smart Contracts erfahren Sie in der Ausgabe 2.16 des «GDI Impuls». Den gesamten Artikel kaufen Sie hier.