Moisés Naím: «Das frustriert sehr viele Bürger in den Demokratien.

Moisés Naím weiss, was es heisst, viel Macht zu besitzen. Er war Handels- und Industrieminister von Venezuela und geschäftsführender Direktor der Weltbank. Im Interview mit dem «Tagesanzeiger» erklärt Naím, warum den Leadern von heute Einfluss und Macht entrinnen.

«Die politische Energie auf der Strasse mündet nur selten in echter politischer Kraft», erklärt Moisés Naím, Autor des Bestsellers «The End of Power». «Wir leben in einer Welt, in der Macht leichter zu erringen, aber schwerer einzusetzen und noch viel leichter wieder zu verlieren ist», so Naím im Interview mit dem «Tagesanzeiger» vom 22. Oktober 2016.

Starke Leader würde es immer seltener geben, starke Staaten hingegen bräuchte es mehr denn je: «Viele unserer grossen Probleme sind eine Folge von zu schwachen Staaten.» Ursache der Schwächung sei die starke Vetokraft in Demokratien: «Demokratien sind voller Organisationen, Verbände und sogar Individuen, die gerade genügend Macht haben, den ganzen Prozess zu blockieren – aber nicht genug Kraft, etwas zu schaffen, ein Projekt durchzusetzen. Das frustriert sehr viele Bürger in den Demokratien.»

Dass Populisten, wie der amerikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump, aktuell Hochkonjunktur haben, führt Naím auf eine enttäuschte Wählerschaft zurück: «Die mächtigen Akteure haben Mühe, ihre grosse Macht anzuwenden, Dinge hinzubekommen. Davon leben Populisten wie Donald Trump: von den grossen Erwartungen an die Mächtigen, die stets enttäuscht werden müssen.»

Weitere Erkenntnisse zu Machtverhältnissen im 21. Jahrhundert präsentiert Moisés Naím an der GDI-Konferenz «Die Zukunft der Macht» am 16. Januar 2017.

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