Michel Maréchal: Ehrlichkeit ist Interpretationssache

Der Mensch sei von Natur aus böse, meinte Kant und prägte mit diesem Ausspruch unser Selbstverständnis. Eine neue Studie des Zürcher Wirtschaftsprofessors Michel Maréchal zeigt: Wir müssen dieses negative Bild überdenken.

Michel Marechal

Sie haben in «Science» eine Studie veröffentlicht, die weltweit diskutiert wurde. Welches ist die wichtigste Erkenntnis?

Wir haben in insgesamt 40 Ländern mehr als 17 000 gefundene Brieftaschen beim Empfang von verschiedenen privaten und öffentlichen Institutionen (d.h. Hotels, Museen, Polizeiposten, etc.) abgegeben. Anschliessend haben wir die Ehrlichkeit der Empfänger gemessen, indem wir  schauten, ob sie die Eigentümer kontaktieren, um die Brieftaschen zurückzugeben. Mit unserer Studie wollten wir untersuchen, wie stark der finanzielle Anreiz zum Stehlen die Ehrlichkeit untergräbt. Dazu haben wir den Geldbetrag in den Brieftaschen zufällig variiert. Die Resultate zeigen, dass sich Leute ehrlicher verhalten, je mehr Geld sich in der Brieftasche befindet.

Wie überrascht waren Sie über die Ergebnisse der Studie?

Wir waren sehr überrascht über dieses kontraintuitive Resultat. Gemäss standardökonomischer Theorie sollte ein höherer Anreiz zu betrügen die Ehrlichkeit der Leute eher reduzieren, schon gar nicht erhöhen. Wir waren uns bei der Planung der Experimente sicher, dass dies der Fall sein wird – so sicher, dass wir den Resultaten zuerst gar nicht glauben konnten.

Wir waren jedoch nicht die Einzigen, die überrascht waren. Wir haben Leute aus der amerikanischen Bevölkerung und Top-Ökonomen aus der ganzen Welt gebeten, unsere Resultate vorherzusagen. Sowohl die allgemeine Bevölkerung als auch die Experten haben mehrheitlich erwartet, dass Brieftaschen seltener gemeldet werden, je mehr Geld sich darin befindet. 

In welchen Situationen sind wir Menschen ehrlicher, in welchen weniger? 

Der Stand der ökonomischen und psychologischen Forschung zeigt, dass Ehrlichkeit nicht nur von fixen Persönlichkeitseigenschaften, sondern auch stark von der Situation abhängt. Wir Menschen streben nach einem ehrlichen Selbstbild und möchten von anderen als ehrliche Personen wahrgenommen werden. Welche Verhaltensweisen als ehrlich oder unehrlich gelten, ist Interpretationssache und hängt damit auch vom Kontext ab. Ein wichtiger Einflussfaktor ist zum Beispiel die Verfügbarkeit von Ausreden, welche unehrliches Verhalten rechtfertigen können. Ausreden wie zum Beispiel «Die anderen tun es auch» oder «Es schadet ja niemandem» ermöglichen es einem, trotz unehrlichem Verhalten sein Selbstbild eines ehrlichen Menschen aufrecht zu erhalten. 

Wie entscheidend sind bei Ihren Ergebnissen soziale Normen, Moralvorstellungen etc.?

Ich denke, dass soziale Normen bei unseren Ergebnissen eine wichtige Rolle spielen. In den meisten Ländern ist die soziale Norm, wonach verlorene Gegenstände an die Eigentümer zurückzugeben werden sollten, sehr stark ausgeprägt. Beispielsweise haben wir in den Vereinigten Staaten, in Polen und im Vereinigten Königreich repräsentative Bevölkerungsumfragen durchgeführt, welche zeigen dass 91% der Teilnehmer der Meinung sind, dass es eher oder äusserst unangemessen ist, eine verlorene Brieftasche zu behalten. Demgebenüber fanden 80% der Teilnehmer, dass es eher oder äusserst unangemessen ist, bei der Steuererklärung zu betrügen. 

Welche Chancen eröffnen die Erkenntnisse der Studie für die Gesellschaft?

Unsere Studie zeigt, dass sogar Experten eine zu pessimistische Vorstellung von menschlichem Verhalten haben. Wir unterschätzen die Bedeutung psychologischer und moralischer Motive, wie etwa das Streben nach einem ehrlichen Selbstbild, und überschätzen gleichzeitig den Einfluss von finanziellen Anreizen. Ich bin deshalb der Meinung, dass wir bei der Gestaltung und Umsetzung von Anreizmechanismen ein breiteres Menschenbild annehmen sollten. 

 

Am 20. Januar 2020 ist Michel Maréchal zusammen mit dem Neuropsychologen Lutz Jäncke Referent an der GDI-Abendveranstaltung «Typisch Mensch? Verhalten und Ehrlichkeit in einer digitalen Welt».