«Mensch und Computer verschmelzen bereits»

Wir sind umzingelt: Seit das Internet immer mobiler wird, schlüpft es in
alle Dinge und verändert unsere Art zu arbeiten und die Freizeit zu
verbringen. Karin Frick, GDI Head Research, berichtet, wohin das alles
führen wird.

Interview: Christina D'Anna-Huber, asut.ch

«Es wird in wenigen Jahrzehnten kaum mehr Industrieprodukte geben, in welche die Computer nicht hineingewoben sind», schrieb der deutsche Kybernetiker Karl Steinbuch 1966. Trifft heute genau zu, oder?
Ja, da hat er sicher recht gehabt. Der Computer ist inzwischen praktisch zu unserer dritten Natur geworden – die zweite Natur ist mit der Kultur ja schon besetzt. Hier wird eine nächste Sphäre nun allmählich so alltäglich und so eng mit uns verwoben, dass sie nicht bei den Dingen halt macht, sondern auch den Menschen selbst erfassen wird.

Der PC als auf dem Schreibtisch thronender Schreibmaschinen-Ersatz ist ein Auslaufmodell.
Das stimmt. Und an seine Stelle tritt eine beinahe magisch vernetzte Welt der interaktiven Dinge. Frühere Kulturen glaubten daran, dass Sachen belebt sein können, bei kleinen Kindern ist dieses magische Denken ebenfalls zu beobachten. Für sie kann ein Stuhl oder ein Tisch lebendig sein, sie beziehen Gegenstände in ihre Spiele mit ein und sprechen mit ihnen. Heute werden die Dinge in unserem Alltag elektronisch oder technisch tatsächlich belebt und geben Antwort, wenn man sie anspricht.

Wird sich das auf das menschliche Denken auswirken?
Wenn meine Suchmaschine eine falsch geschriebene Eingabe korrigiert, ist das in Ordnung. Wenn sie aber glaubt, besser als ich selber zu wissen, was ich suche, dann kann das sehr irritierend sein. Und jetzt stellen Sie sich vor, dass auch mein Tisch und mein Stuhl anfangen, sich einzumischen, dass das Waschpulver mir Ratschläge geben oder gar Vorschriften machen will. Sicher wird es sich auf unser Verhalten, unser Denken und Handeln auswirken, wenn die Dinge beginnen, zurückzureden. Es lassen sich bereits solche Verhaltensänderung beobachten. Zum Beispiel die sogenannte Mobile Blindness: Viele Menschen sind unterwegs so auf ihre Smartphones konzentriert, dass sie auf Umweltreize kaum mehr reagieren. Dem Detailhandel kommt das gar nicht entgegen: All die strategisch auf dem Weg zur Kasse platzierten Artikel, die früher die Kunden zu Spontankäufen animierten, werden heute weitgehend ignoriert.

Telekommunikation findet heute nicht mehr in fixen Endgeräten, sondern in Netzen statt, die ein Eigenleben führen. Soll man das begrüssen oder muss man sich davor in Acht nehmen?
Mehr Vernetzung schafft einerseits mehr Unabhängigkeit, vereinfacht Abläufe, erlaubt Zeitgewinn. Es ist durchaus positiv, wenn ich schon zu Hause für meine Flugreise einchecken und dafür den späteren Zug nehmen kann. Gleichzeitig schaffen alle diese bequemen Möglichkeiten natürlich auch mehr Abhängigkeit. Und zwar nicht unbedingt im gleichen Mass für alle Menschen. Die Frage, die sich stellt, ist die der Kontrolle: Wer relativ souverän mit diesen neuen Möglichkeiten umgehen kann, erlebt sie als potente Werkzeuge, die er zu seinem Vorteil umsetzen kann. Wer sie hingegen nicht beherrscht, gerät in Dauerstress und fühlt sich manipuliert, weil einen alle möglichen Geräte, Apps und Dinge ständig zu irgendeiner Handlung auffordern. Man fühlt sich unfrei, wird dauernd zu etwas verführt und kommt nicht los, verliert sich und seine Zeit. Die Fähigkeiten der Nutzer sind also sicher wesentlich. Grundsätzlich gibt es mit der gleichen Technologie beide Möglichkeiten. Meine Hoffnung ist natürlich, dass die positive Seite überwiegt und die fortschreitende Digitalisierung mehr Unabhängigkeit schafft und uns eine grössere Kontrolle über das eigene Leben gibt.

Sie sprechen hier vom einzelnen Menschen. Wie steht es mit der Gesellschaft als Ganzes: Ist die Digitalisierung vielleicht sogar Voraussetzung dafür, dass die Menschen die Herausforderungen der Zukunft – Energiewende, Klimawandel, explodierende Städte, Mobilität, Überalterung und so weiter – meistern können?

Ich denke schon. Es gäbe rein theoretisch natürlich auch die Variante von der radikalen Rückkehr zur Natur. Ein bescheidenes Leben, wie es zum Beispiel die Amischen führen, das ganz ohne Technologie und mit entsprechend kleinem Energiekonsum auskommt. Aber in einer modernen Welt muss die Devise wohl eher «vorwärts zur Natur» lauten. Und das bedeutet, dass wir diese smarte Vernetzung brauchen, weil sie uns hilft, die beschränkten Ressourcen cleverer zu nutzen. Dann sind wir dann eben beim Smart Grid, das uns hilft, Energieflüsse zu optimieren, oder bei der Smart Mobility, dank der sich Verkehrsflüsse rationaler steuern lassen. Doch der Trend geht über das Teilen von Ressourcen hinaus: Wir erleben den Beginn einer neuen Sharing-Economy, in der Menschen ihren Besitz, ihre Autos, Häuser, Gärten oder Büros gemeinsam nutzen. Die Vernetzung von Menschen führt dazu, dass sie sich neu und anders organisieren und zusammenarbeiten, sich austauschen, Lebensformen, Besitz und Wissen teilen. Das ist nicht zu unterschätzen. Das herausragende Beispiel dafür ist Wikipedia. Wie schnell hier Wissen aus den verschiedensten Bereichen zugänglich gemacht wurde und mithilfe einer organisatorisch innovativen Form der freien Zusammenarbeit die grösste Wissensbank der Welt in mehreren Sprachen entstanden ist, das ist auch als soziales Modell interessant.

Das klingt nahezu paradiesisch.
Auch hier ist natürlich wieder sowohl das Gute wie auch das Schlechte möglich: Die Vernetzung der Menschen hat die Revolution auf dem Tahrir-Platz in Kairo ermöglicht, aber genauso erlaubt sie natürlich auch Terroristennetzwerken, sich besser zu organisieren. Aber ohne Zweifel lässt sich sagen, dass die engere Vernetzung ein grosses Potenzial an sozialen Innovationen in sich birgt. Uns fehlt heute wahrscheinlich einfach noch die Fantasie, uns all die neuen Formen von kollaborativen Konsum-, Lebens- und Arbeitsformen vorzustellen, die möglich sind – und die Geschäftsmodelle, die daraus erwachsen können.

Technologie hilft smarte Köpfe vernetzen?
Genau. Ein weiteres Beispiel sind die MOOCs, die Massive Open Online Courses, eine ganz neue Art der Wissensvermittlung, die genau so grosse Umwälzungen mit sich bringen dürfte wie die Erfindung des Buchdrucks anno dazumal. Für den Wissensplatz Schweiz ist das vielleicht nicht so bedeutend, aber weltweit ist das Potenzial riesig, Menschen, die bisher davon ausgeschlossen waren, durch mobile Technologien Zugang zum Wissen zu verschaffen. Hier kommen soziale Revolutionen in Gang, die wir noch gar nicht richtig wahrnehmen.

Was wir dafür seit Monaten wahrnehmen, ist, dass die alles durchdringende Digitalisierung offenbar auch zu unserer ständigen Ausspähung und Überwachung führt. Hat der Begriff «Privatsphäre» ausgedient? Wird Datenschutz ein Ding der Unmöglichkeit?
Ich habe bereits darauf hingewiesen: Ob sich eine Entwicklung positiv oder negativ auswirkt, ist eine Frage der Kontrolle. Und die kann anders organisiert werden. Dass heute die NSA den Lead übernimmt, heisst nicht, dass das die einzige Art ist, das Netz zu organisieren. Die Überwachung, die wir heute miterleben, ruft inzwischen auch viele Gegenreaktionen auf den Plan. Es gibt neue Verschlüsselungs- und Anonymisierungsdienste wie die Dark Mail Alliance oder Black Phone – eine ganze Reihe von Privacy-Mail-, Privacy-Browser oder Privacy-Cloud-Dienstleistungen, die das Ziel haben, Nutzer vor unerwünschter Überwachung zu schützen. Rein technisch ist es nämlich durchaus möglich, die Privatsphäre besser zu schützen. Das Netz erlaubt uns hier alle denkbaren Spielarten. Was wir damit machen, ist nur durch unsere Fantasie beschränkt. Aber die ist zurzeit wohl noch ziemlich mangelhaft. Wir machen heute in dieser neuen vernetzten Welt noch genau dasselbe, was wir in der alten Welt gemacht haben. Und das sind dann, wenig überraschend, eben die alten Machtspiele, die alten Allmachtfantasien einer alles kontrollierenden Sicherheitsbehörde.

Papst Franziskus das Internet kürzlich «ein Geschenk Gottes» genannt, allerdings eines, das auch mit grossen Risiken behaftet sei.
Dass der Papst hier Stellung nimmt, zeigt, wie sehr Internet inzwischen für viele Menschen Normalität und Teil des Alltags geworden ist. Und natürlich hat er recht. Jede neue Sache hat Kinderkrankheiten, jedes neue technologische Phänomen ist am Anfang ein bisschen wie der Wilde Westen. Aber ich bin zuversichtlich, dass die Menschen am Ende lernen werden, mit den Möglichkeiten der Vernetzung konstruktiv umzugehen.

Wie geht es weiter? Vom Internet der Dinge über tragbare Computer und Augmented Reality zum digitalen Human Enhancement und zur Verschmelzung von Mensch und Computer?
Diese Verschmelzung hat bereits angefangen. Google arbeitet an der smarten Kontaktlinse für Diabetiker, die den Blutzuckerwert misst. Zunehmend werden alle Dinge am Netz hängen, was ganz neue Arten von Organisation ermöglichen wird: Mit thingful.net gibt es seit wenigen Wochen nun bereits eine erste Suchmaschine für Dinge, die auf einer Karte anzeigt, wo auf der Welt sich welches Ding befindet. Man kann das weiterspinnen und sich, wie es viele Technologievordenker tun, eine Welt vorstellen, in der nicht nur Dinge, sondern auch die Köpfe der Menschen vernetzt sind, und ich also sowohl in meinem eigenen als auch in einem anderen Hirn nach Informationen suchen kann. Am Ende steht die positive Utopie der Noosphäre – ursprünglich ein religiöser Begrif, den Teilhard de Chardin geprägt hat – die Vision eines vernetzten kollektiven Geistes der Menschheit, der sich wie eine «denkende Hülle», ein grosses, gemeinsames Bewusstsein um den Globus legt. Technologie würde dann also mit Theologie verschmelzen und der Mensch würde endlich das erreichen, wonach er sich seit Jahrtausenden sehnt: mit dem Universum im Einklang zu leben, mit Tieren und Pflanzen sprechen zu können. Der Papst hat also vielleicht schon recht, wenn er sagt, dass Internet ein Geschenk Gottes sei.