Mehr Mitgefühl: Trotz oder wegen der Digitalisierung?

Wir empfänden weniger Scham, dafür mehr Mitleid als unsere Grosseltern,
sagt Ute Frevert. Wie die Empathie zu einem zentralen Gefühl der
digitalisierten Gegenwart wurde, erklärt die Historikerin im Juni am
GDI.

«Gefühle haben eine Geschichte.» Ein schöner Satz, dessen Inhalt aber verdutzt: Angst, Freude, Zorn, Liebe – waren Gefühle nicht immer schon da? Haben Sie erst im Laufe der Menschheitsgeschichte an Bedeutung gewonnen? Ja, sagt Ute Frevert. Die Historikerin geht noch weiter: Wie eine Gesellschaft ein Gefühl empfindet und welche Bedeutung sie ihm zumisst, darin spiegelt sich eine bestimmte historische Zeit.

Frevert ist Direktorin des Forschungsbereiches «Geschichte der Gefühle» am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. In ihrem neuen Buch «Vergängliche Gefühle» zeichnet sie den Abstieg von Ehre und Scham sowie den Aufstieg von Mitleid und Empathie in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten nach.



Während unseren Gross- und Urgrosseltern Ehre noch nahe und vertraut war, gälte sie heute als negativ konnotiertes Produkt der Vormoderne. Auch die Schamempfindung habe sich stark gewandelt: Heute schämten sich Menschen, wenn sie etwas Unkorrektes getan haben und auffliegen. Das Fremdschämen schliesslich sei eine Erfindung der Gegenwart.

Das Mitgefühl wiederum erlebte im 20. Jahrhundert eine beispiellose Konjunktur, die in der Proklamation der UN-Menschenrechtscharta gipfelte. Und auch heute fänden, so Frevert, befeuert von der Technologie und der Digitalisierung, Empathie und Mitleid großen Anklang - Gefühle, um die sich Gesellschaften vor der Aufklärung kaum scherten.

Aber stimmt das auch? Kritiker wenden doch ein, dass die Digitalisierung unser Mitgefühl gerade reduziere, indem sie uns zu Sklaven unserer elektronischen Geräte mache, wegen denen wir unserer Umwelt keinen Blick mehr schenkten.

Im GDI stellt sich Ute Frevert diesen Fragen und erklärt, wie Mitleid und Empathie zu zentralen Gefühlen der Gegenwart geworden sind, und was das für unser digitalisiertes Leben, Arbeiten und Denken bedeutet. Melden Sie sich an!