Matthias Sutter: Warum die «Hau-drauf»-Taktik Trumps hier nicht funktioniert

Heute wird von der Politik vor allem eines erwartet: Einfache, rasch umsetzbare Lösungen. Gerade in unsicheren Zeiten käme uns die Geduld abhanden, so Matthias Sutter, Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgüter. Im Interview zur Academy of Behavioral Economics erklärt er, warum zu viel davon aber auch schaden kann.

Matthias Sutter

Woran arbeiten Sie derzeit?

Momentan schreibe ich an meinem neuen Buch. Inhaltlich wird es um die Umsetzung verhaltensökonomischer Erkenntnisse im Zusammenhang mit beruflichen Fragen gehen. Das Buch spannt einen Bogen vom Berufseintritt bis zur Beförderung in den Vorstand. Im Mittelpunkt des Buches steht die Analyse menschlicher Verhaltensmuster, die häufig zu ganz unerwarteten Ergebnissen führen. Das betrifft etwa Fragen, warum Whistle-Blowing so schlecht funktioniert, welche Rolle Algorithmen im Rekrutierungsprozess spielen und wie viel Entscheidungsfreiheit wir Maschinen geben wollen, oder unter welchen Bedingungen Bonuszahlungen demotivierend wirken, anstatt die Arbeitsmotivation zu erhöhen. Zum Schluss des Buches wird es um CEOs gehen und was die so den ganzen Tag machen.

Das Thema Verhaltensökonomie ist in Fachkreisen definitiv angekommen. Wo schlagen sich die akademischen Resultate in meinem Alltag nieder?

Die Arbeiten von Ernst Fehr und anderen führenden Verhaltensökonomen kommen mehr und mehr im Alltag an. Beispielsweise hat Fehr aufzeigen können, welchen Einfluss eine Unternehmenskultur auf moralisches Verhalten von Mitarbeitern hat. Seine Arbeiten zur Bedeutung von Fairness spielen auch im modernen Unternehmensberatungsgeschäft eine grosse Rolle, weil sie Unternehmern und Mitarbeitern klar machen, dass der Mensch nicht ein ausschliesslich auf seinen eigenen Nutzen ausgerichteter Homo Oeconomicus ist.

Das Thema der diesjährigen Academy ist «Trust and Facts: Better Decisions in an Age of Growing Populism». Sie haben sich als Forscher stark mit Geduld beschäftigt. Verlieren die Menschen die Geduld mit klassischer Politik und wählen deshalb stärker eine Politik, die einfache Lösungen in Aussicht stellt?

Die klassische Politik ist eine Kunst der verschlungenen Wege hin zu einem Kompromiss. In den meisten westlichen Demokratien funktioniert die «Hau-drauf»-Taktik im Stile Trumps alleine schon deswegen nicht, weil die meisten Staaten von Koalitionen regiert werden. Da braucht es immer wieder Geduld, um Kompromisse finden zu können. Jedoch leben wir in einer unsicheren Welt mit vielen Krisen, zum Beispiel im Bereich Energie oder Umwelt. In solchen Zeiten wünschen sich viele Menschen einfache und vor allem rasch umsetzbare Lösungen. Die gibt es aber nicht. Darum verlieren manche Menschen dann die Geduld mit der klassischen, auf Kompromisse ausgerichtete Politik.

Viele der Referenten sprechen über das Thema Unsicherheit und wie dieses auf Verhalten und Entscheidungen wirkt. Hilft uns Geduld, damit besser umgehen zu können, sind geduldige Menschen besser für unsichere Zeiten gewappnet?

Wenn ich von den positiven Seiten der Geduld spreche, meine ich damit vor allem die Fähigkeit, langfristig Ziele verfolgen zu können und dafür Entbehrungen und Mühen in der Gegenwart in Kauf zu nehmen. Mit anderen Worten, geduldige Menschen geben nicht gleich jedem Impuls nach, sondern können sich langfristig einer Sache bzw. einem Ziel widmen. Unsichere Zeiten zeichnen sich dadurch aus, dass die Rahmenbedingungen sich schneller und häufiger ändern. Das kann dazu führen, dass man langfristige Ziele aus den Augen verliert, weil die Bedingungen sich geändert haben. Geduld kann helfen, dieses Ziel weiter anzustreben. Geduld kann aber auch dazu führen, dass man einem Ziel nachläuft, das sich aufgrund der geänderten Rahmenbedingungen nicht mehr erreichen lässt. Geduld hilft also sicher, gelassener mit Unsicherheiten umzugehen, es kann aber auch dazu führen, dass man wichtige Veränderungen «verschläft».

Auf was freuen Sie sich am meisten bei der diesjährigen Academy?

Ich freue mich auf den inhaltlichen Teil der Academy und dass die Veranstaltung wieder am GDI stattfindet, welches den optimalen Rahmen für diese Konferenz bietet. Auch freue ich mich, neue und alte Kollegen wieder zu treffen.

Matthias Sutter ist Referent an der Academy of Behavioral Economics, welche am 29. Januar 2020 am GDI stattfinden wird.