Lockruf der Fülle – Der Übergang im Energiesystem

Die Energiezukunft lockt mit einem verheissungsvollen Bild: Eine digitale Welt der Elektrifizierung und des Überflusses löst die industrielle Welt des Öls und des Mangels ab. Doch was wird in einer solchen Gesellschaft von übermorgen gebraucht werden?

Dieser Text basiert auf einem Auszug aus der Studie «Die neue Energiewelt» des GDI, die auf unserer Website kostenlos bezogen werden kann.

Im 21. Jahrhundert wird sich das globale Energiesystem von einem System der Knappheit in ein System des Überflusses transformieren. Energie wird dann nicht nur immer und überall in der benötigten Menge zur Verfügung stehen, sondern wird auch zu 100 Prozent aus nicht fossilen Quellen gewonnen. Die alte industrielle Welt des Öls wird also von der neuen digitalen Welt der Elektrizität abgelöst. Doch was wird in einer solchen Gesellschaft von übermorgen gebraucht werden?

Die Antwort auf diese Frage lässt sich nicht aus einer Glaskugel ablesen. Sie wird in jener Übergangsgesellschaft gegeben (und wohl auch erstritten), die zwischen dem Mangel von heute und dem Überfluss von übermorgen liegt. Denn genauso wie das Energiesystem sich durch Übergangstechnologien auszeichnet, wird sich auch eine Übergangsgesellschaft etablieren. Sie wird den Wandel miterleben und mittragen – und letztlich ermöglichen.

Eine zentrale Rolle in diesem Übergang werden staatliche Institutionen spielen. Das hat erstens eine ganz materielle Ursache: In einer elektrifizierten Welt nimmt die Wichtigkeit der Staaten zu, weil die Stromnetze fast überall in der Welt faktisch in staatlicher Hand sind. Das hat zweitens eine ökonomische Ursache: Wer investiert in ein Energiesystem, mit dem sich letztlich kein Profit machen lässt? Und drittens eine politische Ursache: Denn die Weiterentwicklung hin zur Überflussgesellschaft wird vor allem über Krisen- oder Umbruchsituationen geschehen; und in solchen Situationen wird auch in den liberalsten Gesellschaften fast automatisch nach dem Staat als Helfer gerufen.

Jeder Shift der Branche, ob vom Menschen oder der Natur verursacht, ob technische Disruption, soziale Revolution oder ökologische Katastrophe, eröffnet einen Gestaltungsraum für zentrale Akteure – und eine Chance, das Energiesystem insgesamt resilienter und nachhaltiger zu machen.

Allerdings sehen auch diese Gestaltungsräume anders aus, als bislang gewohnt. Die effizientesten Instrumente, die staatlichen Institutionen in der Energievergangenheit zur Verfügung standen, waren Kontrollen der grossen Player. Big Business und Big Government standen sich dementsprechend als «Frenemies» gegenüber. Das wird in der Übergangsgesellschaft radikal anders aussehen: Hunderttausende neue Produzenten strömen auf den Markt, Preise und Mengen schwanken im Achterbahntakt, Normen können sich gar nicht so schnell ändern, wie Technologien sich entwickeln; und auch die Manipulationsmöglichkeiten nehmen an Vielfalt und Raffinesse zu. Regulierung wird dementsprechend schneller und flexibler werden müssen – ohne dabei das Grundbedürfnis nach Energiesicherheit zu vernachlässigen.

Die neue Energiewelt Überfluss