Länder, die ihre Dynamik verlieren, machen dumme Fehler

«Ist Demokratie die politische Form der Zukunft oder nur etwas, was uns hilft, Probleme zu verwalten, aber nicht zu lösen?» Diese Frage stellte GDI-CEO David Bosshart gleich am Anfang der Konferenz «Tyler Cowen & Parag Khanna at GDI» vom 29. Mai 2017.

Trumps Wahlsieg mache Sinn, wenn man die Hintergründe betrachte, sagte der US-Ökonom Tyler Cowen. Seine These: Es fehle den Menschen heute an Ideen für die Zukunft. Die alten Rollenbilder, in denen Westeuropa als langsam und starr, die USA als innovativ und agil gesehen wurden, gälten nicht mehr. «Die USA ist nicht mehr die dynamische, innovative Nation, die sie einst war. Sie steckt fest. Das wird nicht ewig so bleiben, aber aktuell ist es so.»

Während Kennedy in seinem Wahlslogan noch die «new frontier» erobern wollte, schaute Trump auf gute alte Zeiten zurück und möchte mit der Erneuerung von Strassen und Brücken Amerika wieder «great» machen. Innovative Ideen für ein Land in der Krise sähen anders aus, meinte Cowen.

Auch die vielbeschworene Gig-Economy, in der immer mehr Menschen immer öfter Ihren Job wechselten, sei nur eine Seite der Medaille. Ein grosser Teil der Amerikaner bliebe heute länger in den gleichen Firmen, erfahre weniger Veränderung in seinem Leben, erziehe seine Kinder immer vorsichtiger und würde nicht mehr so oft umziehen. Das sei gefährlich, so Cowen: «Wir bauen uns selber eine Falle, indem wir uns ein Leben und ein Land erschaffen, in denen wir keine Risiken eingehen müssen.»

Aber auch andere Zeichen der Popkultur würden zeigen, dass die Menschheit träge werde: LSD wurde durch Marihuana abgelöst, eine Droge, die müde mache. War es früher Musik, die verband und zu Sex, Drugs und Rock’n’Roll aufrief, sei heute Essen eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. Über die sozialen Medien fänden unechte Proteste statt, anstatt dass die Leute auf die Strasse gehen würden. Und auch wenn Facebook, Apple und Google dynamische und innovative Vorbilder seien, hätten sie keinen positiven Einfluss auf das marode Gesundheits-, Bildungs- und Regierungssystem der USA, welche eine Überholung nötig hätten.

Cowen warnte zum Schluss eindringlich: «Länder, die ihre Dynamik verlieren, machen dumme Fehler, wie die USA und Grossbritannien.» Er sei trotzdem nicht pessimistisch: «Irgendwann bekommen wir unsere Dynamik wieder zurück. Wir sind sehr gut darin geworden, unser Leben besser und bequemer zu machen, aber manchmal vergessen wir dabei, was das auf lange Sicht bedeutet.»



Der Geostratege Parag Khanna, weiterer Referent an diesem Abend, schaute sich den Zustand der Demokratie eher auf einer Metaebene an und beschrieb Warnzeichen für den Vertrauensverlust in die Demokratie. Das Vertrauen der Amerikaner in ihre Regierung sei von 75 Prozent in den 1960er Jahren auf 20 Prozent in 2015 gesunken. Die Demokratie in den USA werde brüchig. Deshalb schlug Khanna vor, Demokratie weiter zu entwickeln und eine technokratische Regierung aufzubauen. «Aktuell repräsentieren viele Leute den Staat, aber keiner führt ihn im eigentlichen Sinne.» Technokratie bedeute Führen anhand von Daten.

Die Helden seines neuen Buchs «Jenseits von Demokratie» seien die Schweiz und Singapur, die ihre Technokraten schon sehr gut für das Funktionieren des Staates einsetzten – auch wenn es manchmal langweilig sei, Bürokratien aufzubauen. Khanna riet dem Publikum: «Lernen Sie ihre Technokraten und Beamten schätzen, sie halten Ihr Land am Laufen.» Und wäre Grossbritannien jetzt schon eine Technokratie, wäre der Brexit wohl nicht möglich gewesen, weil man die Folgen über Daten schon vorher sehr genau hätte absehen können.



In der anschliessenden Diskussion versuchte Tyler Cowen den Widerspruch aufzulösen, dass die Schweiz für ihn ein Vorbild sei, auch wenn ihre Einwohner sehr ortsverbunden seien. «Die Schweiz hat einen gewissen Grad an Selbstgefälligkeit akzeptiert. Es kann auch eine Strategie sein, diese gut umzusetzen.» Die USA würden jedoch gerade eine falsche Strategie wählen. GDI-CEO David Bosshart ergänzte: «Wir schätzen unsere Technokraten, solange sie Ergebnisse liefern. Aber sicher sind wir auch träger geworden, wenn es darum geht, Dinge einfacher zu machen.» Die Schweiz sei noch nicht zu 100 Prozent technokratisch, aber schon gut darin, ihre Demokratie zu managen.