Künstliche Realitäten: Die Trennung von Körper und Geist ist unsere Zukunft

22.07.2019

«Synthetische», also künstlich generierte Erfahrungen könnten schon bald ebenso real sein wie physische. Doch welches sind die Folgen? – Ein Gedankenexperiment zur Zukunft des Konsums.

Dieser Text basiert auf einem Auszug der Studie «Das Ende des Konsums – Wenn Daten den Handel überflüssig machen», welche das GDI 2019 in Zusammenarbeit mit KPMG Deutschland veröffentlichte. Zum Download.

Augmented Reality? Kennen wir vom Spiel Pokémon go. Virtual Reality? Erfahren wir in Brillen wie der Oculus. Computer-Gehirn-Schnittstellen? Neurotechnologinnen und -technologen arbeiten daran. Konsequent weitergedacht, werden unsere Erlebnisse immer virtueller – und dereinst vielleicht abgekoppelt von der physischen Welt. Körper und Geist würden zunehmend getrennt, Erfahrungen «synthetisiert», so das wir sie mit anderen teilen oder neu kombinieren können.

Dann wird der Markt für Erlebnisse zweifellos explodieren. Es eröffnen sich unendlich viele Möglichkeiten, um neue Erfahrungen zu sammeln oder gar andere Leben auszuprobieren. Zwar sprengen solche Ideen heute unsere Vorstellungskraft, doch in 30 Jahren werden sich die Menschen vielleicht kaum mehr vorstellen können, wie ein Leben ohne Gedankenübertragung überhaupt möglich war.

Für den Einzelnen und die Gesellschaft wird der Umgang mit den vernetzten Gehirnen und den erweiterten Realitäten allerdings zunehmend kompliziert und verwirrend werden. Wenn die meisten Menschen eine direkte, kabellose Gehirn-Computer-Schnittstelle haben, wie werden sie entscheiden, wen, welche Gedanken und Erfahrungen sie in ihre Köpfe lassen? 

Um sich in diesen multiplen Realitäten orientieren zu können und gute Erfahrungen zu finden, werden Menschen Werkzeuge  wie Browser, Suchmaschinen oder Story-Designing-Dienste brauchen. Und wenn technisch alle Erfahrungen dekomponiert und in einzelne Gedanken zerlegt werden können, wird es Systeme brauchen, die die Bruchstücke neu zusammensetzen. 

Dekomposition des Essens

Wie jede technische Revolution bringt auch der Übergang ins Zeitalter synthetischer Erlebnisse  gravierende Risiken mit sich. Drei wiegen besonders schwer:

Konfusion: Das Verhältnis zwischen den alternativen Realitäten, also dem Original und seinen Kopien, richtigem und falschem Leben, wird kompliziert. Was macht das «alte analoge Ich», wenn das «neue, virtuelle Ich» ein besseres, glücklicheres Leben hat? Trägt das Original die Verantwortung, wenn seine Kopie auf Abwege oder in Not gerät?

Manipulation: Wer die Datenströme kontrolliert, kann seine Macht dazu benutzen, Gedanken zu kontrollieren. Wie im Science-Fiction-Kult-Film «Matrix»: Wer die rote Pille nimmt, wird sich der Matrix bewusst und versteht, wie die Maschinen ihn manipulieren. Wer die blaue Pille nimmt, darf weiterhin in Ignoranz leben. 

Navigation: Alternative Realitäten voneinander zu unterscheiden und sich zwischen ihnen zu bewegen, wird nicht einfach. Die Vervielfachung der Realitätsoptionen erhöht den Schwierigkeitsgrad drastisch. Wie werden wir mit den vielen Wirklichkeiten zurechtkommen?

Wir werden für diese neue Welt Navigationssysteme brauchen, die uns zeigen, in welcher oder wessen Realität wir uns gerade befinden. Politische, ökonomische und soziale Instrumente, die Machtmissbrauch entgegenwirken, müssen entwickelt werden. Und es wird juristische Normen für die Verantwortung von digitalen Identitäten brauchen. Ob es wirklich Grund zur Sorge gibt, hängt auch davon ab, wie wir auf die Risiken reagieren.